In Downing Street 10 feilte man noch eifrig an der  Europarede des Premiers. Da schickte Hillary Clinton ihren für die EU zuständigen Staatsekretär nach London. Der ließ  eine diplomatische Bombe platzen. Den erstaunten Briten, die  so unverblümte Ratschläge nicht gewohnt sind, teilte Philip Gordon mit, dass die USA einen EU-Austritt Großbritanniens ganz und gar nicht goutieren würden.  Für die Vereinigten Staaten sind  die privilegierten Beziehungen zum Vereinigten Königreich  wertvoll, weil  London zur Europäischen Union gehört.

 Die britische Presse tobte. Eine  direkte Einmischung in die eigene Souveränität verbat man sich. Cameron selbst gab wenige Tage später seiner Rede einen grundlegend EU-freundlichen Spin. Die von den Briten verlangte Repatriierung von Kompetenzen der Union sei im Interesse aller Europäer, ließ der Premierminister wissen.

   Die amerikanische Warnung war ein echter Freundschaftsdienst. Sie hilft Großbritannien  zurück auf den Boden der Realität. Das britische Weltreich ist Vergangenheit.  David Cameron ist heute nur Regierungschef einer europäischen Mittelmacht. Virgin-Gründer Richard Branson hakte  in einem offenen Brief an den Premierminister nach. Die Gefahr der Isolation sei größer als Unbillen aus Brüssel. Und siehe da: nach wenigen Wochen eher lauer EU-Diskussion zeigen Meinungsumfragen einen Gegentrend. Die  Zahl der Austrittsbefürworter in der britischen Bevölkerung, mit 40 Prozent immer noch sehr hoch, schrumpft.  Vor allem die Jungen sind   gegen Isolation. Im Mai 2012 hatten noch 51 Prozent der Briten auf  Brexit gesetzt, den britischen Totalausstieg aus der EU.

  Zu Brexit wird es nicht kommen. Da müsste schon alles schief laufen, sowohl in Europa als auch in der britischen Innenpolitik. Einen Großteil ihrer Geschäfte machen die Finanzriesen von Canary Wharf im Euroraum. Amerikanische und asiatische Autobauer, die in den letzten Jahren britische Arbeitsplätze geschaffen haben, exportieren auf den Kontinent.  Die Wirtschaftsinteressen  werden letztlich stärker sein, als der Hass ideologiebeladener Tory auf die dünn gesäten sozialen Mindeststandards in der EU.

  Für die EU wäre der Abgang des Vereinigten Königreiches  ein  Erdbeben, das nicht einmal die britenfeindlichen Franzosen ernsthaft riskieren wollen.   Mit der Abspaltung eines der größten Mitgliedsstaaten wäre erstmals  seit Jahrzehnten der Trend zur Integration des  Kontinents in sein Gegenteil umgekehrt.  Das Risiko eines Dominoeffekts  werden Europas Politiker vermeiden wollen. Angela Merkels vorsichtige Andeutung, dass man Großbritannien entgegen kommen wird, wenn die Briten ihre Forderungen nur nicht überziehen, klingt daher realistisch.

  Die aktuellen britischen Schwierigkeiten mit Europa haben ihre Wurzeln in einer verpassten Chance. Tony Blair wollte sein Land einst in den Euro führen. Die fraktionelle Pattsituation mit  Gordon Brown in der Labour Führung blockierte den kühnen Schritt.  Als George W.Bush in seinen Irakkrieg zog, positionierte sich Blair umgekehrt als treuer US-Verbündeter gegen Jacques Chirac und Gerhard Schröder. London hat eine  große geopolitische Chance vertan.

  Heute laboriert Großbritannien noch immer an den  Identitätsproblemen des versunkenen Imperiums. Die Insel steht vor einem sogenannten Tripeldip, dem dreifachen Rezessionseinbruch. Wirtschaftlich ist das Land in deutlich schlechterem Zustand, als der vielkritisierte Euroraum.

    Ein Happy End könnte es trotzdem geben. Denn Cameron zwingt Kontinentaleuropa  zu politischen Weichenstellungen. Es reicht nicht mehr darauf zu setzen, dass sich die Eurokrise dank des  Engagements der Europäischen Zentralbank  löst. Wenn Großbritannien  einen loseren Zusammenhalt als Antwort auf die  EU-Malaise propagiert, werden Deutsche und Franzosen   ihre Vorstellungen von einer engeren politischen Union präzisieren müssen.

   Der Nachholbedarf der Kontinentaleuropäer ist groß. Das beweist ein schlichter Redenvergleich. Für David Cameron mag  innenpolitische Taktik im Vordergrund gestanden sein. Rhetorisch war der Brite brillant. Jeder Zuseher verstand, wohin seiner Meinung nach die europäische Reise gehen soll.  Am Tag zuvor hatten in Berlin bei den 50-Jahrfeiern des Elysee-Vertrages Francois Holland und Angela Merkel ihre Visionen präsentiert.  Es war  wolkiges Geschwurbel, auf das der Rest des Kontinents  mit gelangweiltem Gähnen reagierte.    

  In Wirklichkeit wäre beides möglich. Großbritannien kann seine Bindung an Brüssel durchaus lockern, ohne auszuscheiden. Schließlich gelten für Nichteuroländer andere Regeln als innerhalb der Währungsunion. Dafür müsste London grünes Licht für ein Kerneuropa rund um den Euro geben, dem sich in absehbarer Zeit auch Polen anschließen würde. Über ein Europa der konzentrischen Kreise könnten dann am Ende nicht nur die Briten, sondern auch die Wähler im Rest des Kontinents abstimmen. David Cameron hätte mit seinem Vorstoß Europa dann doch vorangebracht.