Schlagartig hat der Tod von Kim Jong Nam, dem Halbbruder des nordkoreanischen Herrschers Kim Jong Un, in Malaysia die nordkoreanische Familiendynastie der Kims wieder ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit gerückt. Aus dem ungewöhnlichen Kriminalfall am Flughafen von Kuala Lumpur ist im Streit um den Leichnam des Toten inzwischen  eine diplomatische Krise zwischen Nordkorea und Malaysia geworden. Offizielle Untersuchungsergebnisse der Polizei in Malaysia gibt es noch keine, aber  Südkorea beschuldigt das Regime von Kim Jong Un hinter dem Mordanschlag zu stehen. Diese Thesen wird auch von Paul Haenle vertreten, einem der führenden amerikanischen Nordkoreaexperten. Haenle hat als Vertreter des amerikanischen Präsidenten jahrelang an Verhandlungen mit Nordkorea teilgenommen, als es noch darum ging das Atomprogramm zu stoppen. Er leitet heute ein amerikanisch-chinesisches Forschungszentrum in Peking. Haenle sieht den mysteriösen Tod  Kim Jong Nans vor allem als Krisenzeichzen für die Beziehungen zwischen Nordkorea und China.

Haenle: „Es ist schockierend, was passiert ist. Das Regime zeigt damit, wie grausam, brutal, paranoid und unsicher es ist. Vor genau zwei Jahren hat das nordkoreanische Regime den Onkel von Kim Jong Nam getötet, Jang Song Thaek. Solche Aktionen gehören  zur Funktionsweise des Regimes, das Angst um sein eigenes  Überleben hat. Kim Jong Un war beunruhigt, dass ihn Kim Jong Nam ihn einmal ersetzen könnte.“

Löw:  Aber warum soll es eine solche Rivalität in der nordkoreanischen Herrscherfamilie gegeben haben? Schließlich hat  der tote Kim Jong Nam fern der Politik im chinesischen Macau gelebt. Paul Haenle sieht im Hintergrund  einen nordkoreanisch-chinesischen Konflikt:

Haenle:“Kim Jong Nam ist von China beschützt worden. Peking hat ihn als politische Reserve für die Zukunft Nordkoreas betrachtet. Auch sein ermordeter  Onkel, Jang Song Thaek  hat  sehr gute chinesische Verbindungen  gehabt. Am Tag nach der Ermordung Kim Jong Nams  hat Peking die UNO-Sanktionen wegen des Atomprogramms  umgesetzt und ein totales Embargo für nordkoreanische Kohleimporte verhängt. Eine klare Botschaft an die Nordkoreaner, wie wütend China  über den Mord an Kim Jong Nam ist.“

Löw: Aber ist es überhaupt noch realistisch von Nordkorea die Aufgabe seines Atomprogramms zu verlangen? Wird Kim Jong Un je auf sein nukleares Potential verzichten? Paul Haenle hat selbst seine Zweifel.

Haenle: „Ich war der Vertreter des Weißen Hauses bei den Sechsparteiengesprächen mit Nordkorea  zwischen 2007 und 2009.  Kim Jong Un will sein  Atomprogramm nicht aufgeben. Allein im letzten Jahr haben die Nordkoreaner 20 Raketentests und  5 Atomtests durchgeführt. Kim Jong Un  will demnächst im Stande sein,  einen Atomsprengkopf  auf eine Interkontinentalrakete zu setzen, die die USA erreichen kann. Das würde für die Vereinigten Staaten eine völlig neue Situation schaffen.“

Löw: Aber hat Präsident Trump überhaupt die Mittel eine nordkoreanische Interkontinentalrakete noch zu stoppen, wie er das auf Twitter angekündigt hat?

Haenle: „Es gibt keine silberne Kugel, keine Wunderlösung. Die Lösungen reichen von schlecht über  wirklich schlecht bis zu  grauenhaft schlecht.  Das ist so ungefähr die Bandbreite unserer Optionen. Ich glaube es wird weiter eine Kombination von Druck und Verhandlungen geben müssen.“

Löw: Aber war der Druck von Sanktionen auf Nordkorea bisher nicht erfolglos? Frage an den amerikanischen Experten Paul Haenle: Wäre es nicht besser zu akzeptieren, dass Nordkorea ein Atomstaat ist?

Haenle: „Darüber hat es Diskussionen gegeben. Ich bin nicht davon überzeugt.  Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Donald Trump vor das amerikanische Volk treten wird um zu erklären, er hat das nordkoreanische Problem gelöst, indem er Nordkorea erlaubt seine bestehenden Atomwaffen zu behalten, solange  keine neuen gebaut werden.  Ich denke, so etwas wird er dem amerikanischen Volk nicht verkaufen können. Die US-Regierung wird weiter nach Möglichkeiten suchen, die Nordkoreaner dazu zu bringen, ihre Atomwaffen aufzugeben.“

Löw: Nordkorea argumentiert, es braucht Atomwaffen, nicht weil das Land jemand angreifen will, sondern als Garantie gegen eine Politik des Regimechanges durch die USA.  Wie könnten die USA der nordkoreanischen Führung diese Angst nehmen? Der US-Experte Paul Haenle:

Haenle: „In diesem Punkt  bin ich mit Ihnen einverstanden, sie sehen das Atomprogramm als Schlüssel für ihr Überleben an. Sie sehen was in Lybien passiert ist, wo Muhamar Gaddafi sein Atomprogramm aufgegeben hat und Jahre später gestürzt wurde. Dieses Beispiel macht unsere Haltung viel schwieriger. Aber das heisst nicht, dass die Welt ein besserer Platz wäre, wenn Nordkorea Atombomben haben könnte. Ich glaube nicht, dass Regimechange die offizielle Politik der USA ist. Die Nordkoreaner haben einfach nicht recht damit, dass eine Bedrohung, der sie ausgesetzt sind, der Kern des Problems ist.  In Wirklichkeit ist es umgekehrt:  die USA und ihre Verbündeten werden durch die  Nordkoreaner und ihr Atom und Raketenprogramm bedroht.“