Chinas Außenminister warnt vor einer Katastrophe auf der koreanischen Halbinsel. Es sei so, als ob zwei Schnellzüge frontal auf einander zurasen. Nordkoreanische Raketenabschüsse in Richtung Japan und  amerikanische Militärmanöver in Südkorea machen den Streit um die nukleare Rüstung Pjöngjangs zu einer Gefahr für die ganze Region.

Die nordkoreanische Atomrüstung hat sich in den fünf  Jahren unter dem jungen Herrscher Kim Jong Un  beschleunigt. Das Land verfügt wahrscheinlich über ein Dutzend  einsatzfähiger Atombomben. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem Nordkorea eine Interkontinentalrakete testet, mit der die Westküste der USA angegriffen werden kann. Das wäre der Augenblick der Kollision. In Peking fürchtet man, dass kein amerikanischer Präsident tatenlos zusehen könnte.

Nordkorea ist dabei zur ersten außenpolitischen Krise der Trump-Administration zu werden. Der ehemalige US-Verteidigungsminister William J.Perry berichtet, wie die USA  die nordkoreanische Atomrüstung 1994 durch einen Militärschlag stoppen wollten. Die Option wurde verworfen, weil die südkoreanische Hauptstadt bei kriegerischen Verwicklungen schwer getroffen würde. Seoul liegt nur eine Autostunde von der Demarkationslinie entfernt, an der der Koreakrieg geendet hat.

Während des Kalten Krieges war der Norden der militärisch stärkere  Akteur. Nach stalinistischem Muster entwickelte sich die Industrie, während Südkorea  ein armes Agrarland war. Im chinesisch-sowjetischen Richtungsstreit des Weltkommunismus hielt sich Staatsgründer Kim Il Sung heraus.  Der Marxismus-Leninismus der  Bruderstaaten wurde durch die eigene  Juche-Ideologie von der völligen Selbstgenügsamkeit ergänzt. Nordkorea ist das einzige Land der Welt mit einer ausgefeilten Antiglobalisierungsideologie. Linke Intellektuelle, denen die westliche Demokratie zu amerikanisch war, wie die Schriftstellerin Luise Rinser und der DDR-Dissident Rudolf Bahro, waren über den egalitären Anspruch begeistert und ignorierten das totalitäre politische System.

In den 1980er-Jahren haben sich die Verhältnisse gedreht. Südkorea demokratisierte sich und ist eine entwickelte Industrienation geworden.  Im isolierten Nordkorea forderten verheerende Hungerkatastrophen  hunderttausende Opfer.

Die Zeiten der extremen Not im Norden sind vorbei. Zaghafte Reformen haben zur Entstehung einer bescheidenen Mittelschicht geführt. In den Städten sind Handys weit verbreitet. Aber weder mit Südkorea noch mit China kann das Land wirtschaftlich mithalten. Nur bei der atomaren Rüstung  liegt Nordkorea weiter vorne. Nordkorea zeigt, wozu ein Staat fähig ist, der über hochqualifizierte Techniker verfügt und alle Mittel auf ein Ziel konzentriert.

Politisch ist aus einer stalinistischen Diktatur eine Familiendynastie geworden, die der Nordkoreaexperte Andrei Lankov  mit der Thronfolge europäischer Königshäuser vergleicht.  Der Thriller um die Ermordung des älteren Halbbruders von Führer Kim Jong Un  in Kuala Lumpur entspräche danach einer Logik, die aus den Königsdramen Shakespeares bekannt ist: wenn die Blutslinie über die Staatsmacht entscheidet, werden die engsten Verwandten zu den gefährlichsten Rivalen.

Weder  Washington noch Seoul gehen davon aus, dass Pjöngjang seine Atomwaffen baut, um einen Angriffskrieg zu führen. Das Nuklearpotential soll das Regime unangreifbar machen.  Auf dieser Einschätzung beruhen die chinesischen Vorschläge für einen Kompromiss. Ähnlich wie beim Atomdeal mit dem Iran müsste Nordkorea seine Rüstung einfrieren, könnte im Gegenzug aber die Beziehungen zur Welt normalisieren.

Pjöngjang hat sich zu dem Vorstoß  bisher nicht geäußert. Die USA lehnen Verhandlungen ohne Vorleistung ab. Die Gefahr wächst, dass der letzte gefrorene Konflikt  des Kalten Krieges  ganz Ostasien destabilisiert. Unvermutet entstehen neue Konflikte. Peking lässt südkoreanische Supermärkte in China von Hooligans verwüsten oder sperren.  China protestiert gegen  ein Raketenabwehrsystem, das die USA  in Südkorea aufstellen, weil die Radaranlagen auch Stellungen der Volksbefreiungsarmee nördlich des Yalu bespitzeln würden. Sollten Südkorea oder Japan gar  mit Pjöngjang gleichziehen und Atomwaffen bauen, käme es zu einem gefährlichen Wettrüsten.

Donald Trump droht martialisch,  er werde Nordkorea keine Raketen erlauben, die Amerika erreichen können. Während des Wahlkampfes sprach er dagegen von einem möglichen Deal, den er mit Kim Jong Un bei einem Hamburger irgendwo in der Welt besiegeln könnte. Es ist einer der seltenen Fälle, in denen man den Trumpschen Wahlkampf gerne ernst nehmen würde.