Was Hongkong heute,  zum 20.Jahrestag der Übergabe an China erlebt, ist ein Staatsakt mit allem Drum und Dran. Die Chinesische Volksbefreiungsarmee auf dem Territorium der einstigen britischen Kronkolonie, das demonstriert am klarsten, dass die Souveränität an China übergegangen ist.

Andererseits: In der Bevölkerung sind die Meinungen geteilt und unter das Volk wird sich der chinesische Präsident nicht mischen in Hongkong.

Es gibt eine Minderheit, die träumt davon sich loszusagen von Peking,  was eine ziemliche Illusion ist. Vor allem in der Jugend gibt es viele Vorbehalte gegen Peking, man fürchtet um die Freiheiten, die Hongkong auf Grund seines Sonderstatus hat.

Für  China selbst ist die Rückkehr Hongkongs ein Symbol für den Aufstieg des Landes. Diese Zeiten sind vorbei, in denen China erniedrigt wurde uns ausgeplündert wurde, wie im 19. und dann dem 20.Jahrhundert zuerst von den europäischen Kolonialmächten und dann von Japan, daran erinnern die Kommentatoren im Fernsehen heute immer wieder.

Die demokratische Protestbewegung in Hongkong ist nicht verschwunden, aber sie ist viel kleiner geworden. Vor dem Besuch des Präsidenten hat es eine ganze Reihe von Demonstrationen gegeben, von Aktivisten, die verlangen dass der an Krebs erkrankte Friedensnobelpreisträger Liu Xiao Bo, der wegen seiner Krankheit aus dem Gefängnis ins Spital überführt wurde, zur Behandlung in den Westen gelassen wird.

Aber in China erfährt niemand etwas über diese Aktionen, sie werden streng zensuriert.

Bei uns im ORF-Büro in Peking läuft das chinesische Fernsehen und die BBC. Jedesmal, wenn ein internationaler Sender über die Proteste berichtet, wird  der Bildschirm schwarz. Das sitzt jemand in der Zensurbehörde und legt einen Hebel um. Ist banal und eigentlich beschämend für eine Weltmacht wie China.

Diese allgegenwärtige Zensur zeigt, wie groß der Widerspruch zwischen der vielfältigen, bunten Gesellschaft in China und dem autoritären  Einparteiensystem, das für die Menschen meilenweit weg ist von ihrer Realität, in der sie lebe.

Wenn Chinas Präsident nächste Woche nach Hamburg zum G 20-Gipfel fährt, dann weiß er, dass die internationalen Entwicklungen der letzten Monate haben der chinesischen Führung in die Hände gespielt.

China als Newcomer zieht unter den Großmächten automatisch nach, wenn sich die etablierte Supermacht Amerika zurückzieht unter Donald Trump.

Das wird auch in Hamburg beim G 20 zu spüren sein, wo die Europäer in Klimafragen, auch in Fragen des Freihandels versuchen werden mit China gemeinsam gegen Donald Trump Front zu machen.

Vor allem zu spüren ist die  Rolle Chinas als neue Weltmacht natürlich  in Asien,  wo eine ganze Reihe von Staaten, die traditionell proamerikanisch waren, sich immer mehr an Peking orientieren. Thailand tut das unter den Militärs, Philippinen unter dem populistischen Präsidenten Duterte ebenfalls auf prochinesischem Kurs.

China wird zwar vielleicht nicht geliebt von den Nachbarn, weil die Großmachtgehabe vermuten und auch weil die  KP-Herrschaft kein attraktives Modell ist,  aber trotzdem China wird immer mehr als Führungsmacht akzeptiert.

Ein wichtiger Grund ist die anhaltend gute wirtschaftliche Entwicklung in China.

Das Wachstum knapp unter 7 Prozent und damit immer noch sehr stark, den Börseneinbruch vor 2 Jahren hat die Regierung in den Griff bekommen.

Worum man sich jetzt bemüht ist eine Umstellung weg von auf  High Tech und Konsumgüter.

Deutliches Beispiel, das überall sichtbar ist, sind die  Leihfahrräder, die so weit verbreitet sind inzwischen, dass man als Fussgänger fast nicht mehr durchkommt am Gehsteig, weil so viele Leihfahrräder abgestellt wind  klingt banal,  aber in China High Tech Operation daraus gemacht. Überall in chinesischen Städten Millionen Leihfahrräder, die mietet man mit dem Smartphone  und die man stehen lassen kann, wo man will.

Die Fahrräder sind ständig Online, mit dem Datennetz verbunden und das ergibt riesige Mengen von Daten, wo welche Bewegungen stattfinden in den Städten, wo man Geschäfte aufmachen könnte, worauf die Stadtplaner Rücksicht nehmen müssen. Diese Daten sind sehr viel Wert, die Radverleihfirmen verkaufen sie um teures Geld.

Und weil das alles mit dem Smartphone läuft, wo man 50 Cent für eine Fahrt und 150 Euro Grundeinlage zahlen muss, entsteht bei Dutzenden Millionen Benützern ein Geldfluss, wie bei Banken, mit denen Geschäfte gemacht werden. Mit normalem Fahrradverleih, wie wir ihn kennen in Europa, hat das chinesische Modell nur beschränkt zu tun.

Es ist in China eine eigenartige Mischung, Kapitalismus unter der Führung der Kommunistischen Partei aber man muss zugeben, bis jetzt funktioniert es.

Asien ist auf jeden Fall die Weltgegend, die die Zukunft für uns alle viel mehr bestimmen wird, als wir das jetzt noch wahrnehmen.

Was mich am meisten fasziniert an China, das ist dieser Grundoptimismus der Menschen, dass die riesigen Hürden, die es gibt von Smog bis zur Zensur und zu den fehlenden politischen Freiheiten, dass diese Hürden zu meistern sein werden.

Die Bevölkerung hat wahnsinnig viel gelitten in der Kulturrevolution und zuvor, viele erinnern sich noch an diese Zeit, aber heute sind alle überzeugt, in 5 Jahren wird es uns besser gehen als heute, in 10 Jahren noch besser, und unsere Kinder werden sowieso viel mehr Möglichkeiten haben als wir.

Von dieser Zuversicht können die Europäer vielleicht ein bisschen etwas brauchen.

Wobei die Europäische Union, dass sich einstige Kriegsgegner zusammenfinden um etwas gemeinsames zu machen, inklusive aller Freiheiten und demokratischen Prozesse,  das wird schon respektiert und auch bewundert in Asien.  Etwas Vergleichbares gibt es ja nicht in Asien.

Dass einige in Europa sich überlegen diese Errungenschaft EU aufzugeben, wie das rund um Brexit ja denkbar war, das hat man in Asien absolut nicht verstanden.

Dass die Europäer – zwar ohne Briten aber doch –  jetzt doch verstärkt gemeinsam auftreten wollen, das wird doch als eines der wenigen beruhigenden Zeichen in einer zunehmend chaotischen Welt angesehen.