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Die geplante Lockerung der seit Jahrzehnten geltenden Einkind-politik in China stößt auf Hindernisse. Eine offizielle Statistik belegt, dass nur sehr wenige Frauen von der Möglichkeit Gebrauch machen, auch zwei Kinder haben zu können. Experten vermuten viele materielle Motive hinter der geringen Gebärfreudigkeit der  Frauen. In den chinesischen Medien wird jetzt auch ein anderer Grund genannt: der oft sehr heftige Widerstand der ans Einzelkinderdasein gewohnten Sprösslinge, die sich mit Händen und Füßen gegen die Gefahr von Geschwistern wehren.

  Die chinesischen Medien nennen sie Wenwen. Eine  dreizehn Jahre alte Jugendliche aus der mittelchinesischen Stadt Wuhan.  Monatelang haben die Eltern diskutiert, ob sie ihre Familie nicht vergrößern wollen.  Beide Elternteile sind Einzelkinder, die offizielle Genehmigung für ein zweites Kind würden sie bekommen.  Die Tochter war von Anfang an total dagegen. Eine Schwester oder ein Bruder hätte die dreizehnjährigen Wenwen zum Außenseiter in der Schule  und dem Gespött der Freunde gemacht. Die Eltern haben den Einwand zuerst nicht ernst genommen und Frau Xiao, die Mutter wurde tatsächlich schwanger. Aber der  Widerstand der Tochter wurde immer hartnäckiger, ich bringe mich um, wenn Du einen Bruder oder eine Schwester nach Hause bringst, dann springe ich aus dem Fenster, drohte Wenwen.  Die Eltern entdeckten Rasierklingen im Kinderzimmer, und Schnittwunden an der offensichtlich ernsthaft suizidgefährdeten Tochter. Schweren Herzen entschied sich die Mutter auf Druck des eigenen Kindes für die Abtreibung, so wie das bisher üblich war, wenn die Partei es befahl.

  In den chinesischen Medien tauchen dieser Tage immer mehr solcher Konflikte auf, die erklären sollen, warum   so wenig Frauen von der neuen legalen Möglichkeit Gebrauch machen, mehr Kinder zu gebären.

  Sie ist den Status der kleinen Prinzessin gewohnt, erklärt Frau Xiao die erpresserische Haltung der Tochter. Sie ist total verwohnt und setzt immer ihren Willen durch.   

  Eine Fünfjährige hat in einem anderen bekannt gewordenen Fall ihre Mutter  verstoßen, weil trotz ihres Protestes einen kleinen Bruder bekommen hat. Sie habe jetzt die Großmutter zur Mutter erklärt, verkündete die Fünfjährige einem Journalisten.

  Dass die vielen Jahrzehnte der Einkindpolitik in China tatsächlich eine Kultur der  verwöhnten Einzelkinder   geschaffen hat, ist  unbestritten. Nicht nur die die Eltern, auch vier Großeltern investieren alles, was sie emotional und  finanziell zu bieten haben, in den einzigen Sprössling der Familie. Sohn oder Tochter sind das   alleinige Zentrum der familiären Aufmerksamkeit. Dass es eine Kinderschar geben könnten wie früher, ist für viele so unvorstellbar, wie die Großfamilien früherer Zeiten für Europäer und Europäerinnen heute.

  Aber noch entscheidender ist der materielle Druck, der auf den Familien lastet. Die explodierenden  Preise auf dem Immobilienmarkt machen größere Wohnungen für viele kaum  erschwinglich.   Kinder sind teuer, viele Eltern zweifeln, dass sie einem zweiten Kind all das bieten können, was es braucht.

   Die Folge ist ein enttäuschender Start der neuen Zwei-Kind-Politik: 11 Millionen Elternpaare dürften eigentlich ein zweites Kind bekommen, weil sie selbst Einzelkinder sind. Auf dem Land ist ein zweites Kind erlaubt, wenn das erste ein Mädchen ist. Auch für nationale Minderheiten sind größere Familien gestattet. Nur 800 000 Paare haben im letzten Jahr in ganz China  den  Antrag auf ein zweites Kind gestellt, teilt die Nationale Kommission für Familienplanung mit. Nicht einmal 10 Prozent der Ehepaare, die das könnten.

  Der Trend zur Überalterung der Gesellschaft in China hält damit an. Statistisch gesehen haben  chinesische Frauen deutlich weniger Kinder als nötig wären,  um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Wenig Kinder gibt es in vielen entwickelten Industriestaaten.  Aber China ist nach wie vor ein Entwicklungsland. Durch die Tradition der Einkindpolitik ist das Land aber jetzt mit den gleichen Problemen der Überalterung konfrontiert ist, wie Japan oder Westeuropa: viele Pensionisten und eine schrumpfende Zahl von Arbeitskräften.

  Chinesische Sozialwissenschaftler drängen auf eine völlige Abkehr von der Einkindpolitik.  Paare sollte im Gegenteil durch Anreize ermutigt werden, das Risiko eines zweiten Kindes einzugehen. Zu einer derart spektakulären Kehrtwende hat sich die Kommunistische Partei Chinas bisher nicht durchringen können.  Die konservativen Familienpolitiker haben in den egoistischen Sprösslingen, die nur ja keine Geschwister haben wollen, offensichtlich starke Verbündete.