In der Kubakrise 1962 stand die Welt 13 Tage lang vor dem Abgrund. Nur das Veto des besonnenen John F.Kennedy gegen den von den Militärs geforderten Angriff auf die  sowjetischen Raketenstellungen in Kuba  verhinderte den nuklearen Holocaust. Der amerikanische Außenpolitikexperte Robert Litwak nennt die Spannungen um Nordkorea eine Kubakrise in Zeitlupe. 

  Bei der jüngsten Militärparade in Pjöngjang ließ Staatsführer Kim Jong Un Interkontinentalraketen auffahren, mit denen Nordkorea  die Westküste der USA  nuklear angreifen könnte. Die Fertigstellung der  Superwaffe sei so gut wie abgeschlossen, heißt es in Pjöngjang. Sollte ein neuer Raketentest zeigen, dass diese Waffen gegen Los Angeles oder San Francisco einsatzbereit sind, wäre für die USA eine rote Linie überschritten. Donald Trump wird dann entscheiden, ob es zu einem  zweiten Koreakrieg kommt.

  Bei seinem Briefing für Trump vor der Amtsübergabe hat Barack Obama vor der Dynamik der Konfrontation mit Nordkorea gewarnt. Amerikanische Cyberattacken haben das von der UNO verurteilte Rüstungsprogramm behindert, aber nicht zerstört. Die Isolation des Landes macht die nordkoreanische Führung gegen internationale Boykottmaßnahmen weitgehend immun. Die Trump Administration verlangt von China eine Erhöhung des Drucks auf Kim Jong Un. Gleichzeitig droht US-Vizepräsident Mike Pence, die Zeit der strategischen Geduld der USA sei vorbei. Der Einsatz  einer amerikanischen Riesenbombe gegen ein Tunnelsystem der IS-Miliz in Afghanistan war auch ein Signal an Nordkorea.

  Rund um die Parade zum 105.Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung erreichte die martialische Rhetorik einen Höhepunkt. Die Führung in Pjöngjang tat so, als ob ein Atomkrieg unmittelbar bevor stehe. Das Gefühl eines permanenten Kriegszustandes gehört seit Jahrzehnten zum Herrschaftssystem der Kim-Dynastie. Zu einem sechsten Atomtest ist es vorläufig nicht gekommen, möglicherweise hat der chinesische Druck gewirkt. Und auch Trumps Armada rund um den Flugzeugträger Carl Vinson  war gar nicht angriffsbereit, sondern 5000 Kilometer weit entfernt in Südostasien auf Manöver. Der Economist schreibt spöttisch von strategischer Verwirrung.   

  Zu Entwarnung besteht kein Anlass. Für den jungen Herrscher Kim Jong Un gehört die Nuklearrüstung zu den Fundamenten des Staates. Die Atombomben sind aus der Sicht des Regimes eine Garantie gegen Umsturzversuche jeder Art. Ihre Weiterentwicklung will er unter keinen Umständen stoppen.   

  Entgegen der  weitverbreiteten Ansicht, dass  Kim Jong Un irrational agiert, sehen die meisten Nordkoreaexperten eine Logik hinter dem Vorgehen der Führung in Pjöngjang. Das Image der  Unberechenbarkeit soll  die eigene Schwäche kompensieren.  Rein numerisch ist die nordkoreanische Armee die viertgrößte der Welt. Überall auf den Straßen  sind Soldaten zu sehen. Aber seit Jahren fließen alle Mittel in die nukleare Rüstung. Nordkoreas konventionelle Rüstung ist total veraltet. Gegen die Supermacht Amerika hätte das Land keine Chance. Daher besagt die nordkoreanische Militärdoktrin, dass im Fall eines militärischen Konfliktes sehr rasch Atomwaffen eingesetzt werden müssen.

  Kommt es zu einem  Schlagabtausch zwischen den USA und Nordkorea, weil ein auf martialische Effekte setzender Trump auf einen neuen Atomtest mit Cruise Missiles reagiert, wie gegen Assads Giftgas  in Syrien, wäre die koreanische Halbinsel  in höchster Gefahr.  Pjöngjang will durch die Atomwaffen die  USA von einem  Enthauptungsschlag gegen die oberste Führung oder Luftangriffen gegen die Raketenstellungen abhalten. Innerhalb von Tagen könnte die Lage kippen.

      China wäre der große Verlierer bei einem Ende des Status Quo auf der koreanischen Halbinsel. Eine Destabilisierung würde die Wirtschaft im chinesischen Nordosten  schwer treffen. Sicherheitspolitisch wäre ein Vorstoß der Amerikaner gegen die Atomwaffen des Nordens  ein Alptraum für Peking. Im Koreakrieg hatten Maos Soldaten die USA vom Grenzfluss Yalu vertrieben.  China sucht daher verzweifelt nach diplomatischen Wegen, eine  Eskalation zu verhindern. Aber die Beziehungen zu Pjöngjang sind am Gefrierpunkt. Und am anderen Ende steht ein amerikanischer Präsident, der China verantwortlich macht und gleichzeitig laut  einen Präventivschlag andenkt.   

John F.Kennedy hat die Kubakrise einst durch eine geheime Abmachung mit  Chruschtschow entschärft, gegen die Sowjetunion gerichtete amerikanische Mittelstreckenraketen aus der Türkei abzuziehen. Die Sorge in Ostasien ist, dass die Trump Administration zu so viel raffinierter  Diplomatie weder bereit noch fähig ist.