Wahrscheinlich wird Rodrigo Duterte seine Ankündigungen nicht wahrmachen. Der nächste Präsident der Philippinen versprach in den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit 100 000 Kriminelle zu erschießen. Die Fische in der Bucht von Manila würden sich an den Leichen fettfressen.   Nach Wiedereinführung der Todesstrafe will er Massenexekutionen mit doppelten Hinrichtungen organisieren, präzisiert der langjährige Bürgermeister der großen Stadt Davao im Süden. Die zum Tode Verurteilten sollen zwei Mal aufgehängt werden, einmal um sie zu ersticken, ein zweites Mal um den Kopf vom Körper zu trennen.

Das grausige Wahlprogramm kam an. Die glatten Kandidaten des politischen Establishments wurden von der kriegerischen Rhetorik des Außenseiters hinweggefegt. Kriminalität ist ein riesiges Problem auf dem Inselstaat.

Zum erfolgreichen Stil des neuen Mannes gehören verbale Skandale.   Die Philippinen sind ein katholisches Land, das einzige des Kontinents. Duterte hat es trotzdem nicht geschadet, dass er den Papst einen Hurensohn hieß, weil es in Manila wegen eines Besuches des katholischen Oberhauptes zu stundenlangen Staus kam. Mit Australien gab es diplomatische Verstimmungen, als der Kandidat sich öffentlich wünschte, er hätte bei der Vergewaltigung einer australischen Ordensschwester mitgemacht. Die 36jährige Jacqueline Hamill war im Laufe einer Gefängnisrevolte brutal ermordet worden. Das Wahlvolk akzeptierte die Erklärung, das sei doch nur ein Witz gewesen.

Die Philippinen sind mit 102 Millionen Einwohnern ein gewichtiger Player in Asien. In den 1980er-Jahren stürzte eine demokratische Volksbewegung den Diktator Ferdinand Marcos. Präsidentengattin Imelda Marcos wurde mit ihren tausend Schuhen zum Symbol für korrupten Luxus. In Südostasien ging die Zeit der Diktatoren zu Ende. Die demokratische Ära, die vor 20 Jahren mit dem Aufstieg der damaligen Oppositionsführerin Corazon Aquino begonnen hat, steht jetzt an der Kippe, denn die Pläne des zukünftigen Präsidenten sind keine leeren Drohungen.

In Davao, der Stadt in der Rodrigo Duterte 20 Jahre Bürgermeister war, haben Todesschwadrone hunderte Kleinkriminelle, Drogendealer und Straßenkinder ermordet.   Human Rights Watch konnte beweisen, dass die Killer eng mit der Polizei zusammenarbeiten. Außergerichtliche Hinrichtungen durch Mordkommandos, die im Auftrag der Behörden agieren, seien fixer Bestandteil des Kampfes gegen die Kriminalität. Von mehr als 1000 Getöteten in Davao, darunter 132 Kindern, spricht die amerikanische Menschenrechtsorganisation. Eine direkte Verantwortung konnte dem Bürgermeister nicht nachgewiesen werden. Aber politisch trommelt Rodrigo Duterte, dass es legitim ist, Kriminelle zu töten. Den Wählern gefällt es. Vier Mal haben sie den Mann in Davao bestätigt. Ob es stimmt, dass er persönlich 700 Verbrecher umgebracht hat, wollte im Präsidentschaftswahlkampf ein Journalist von Duterte wissen? Keineswegs, war die Antwort, es waren 1700.

Menschenrechtsorganisationen fürchten, dass der Wahlsieg des Haudegens als grünes Licht verstanden wird, im ganzen Land zur Kriminalitätsbekämpfung Todesschwadrone einzurichten.

In der Asienstrategie der USA spielen die Philippinen eine Schlüsselrolle. Manila ist der wichtigste Kontrahent Pekings im Streit um das Südchinesische Meer, in dem Amerika sich zunehmend gegen China positioniert. Duterte hat angekündigt, er wird auf Wasserschis vor den umstrittenen Inseln auftauchen, um persönlich die philippinische Fahne aufzupflanzen.

In der jungen Demokratie der Philippinen ist die Gewaltenteilung schwach entwickelt, aber sie existiert. Dem gewählten Präsidenten stehen der Kongress gegenüber und das Establishment der reichen Dynastien, zu denen die Familie Aquino ebenso gehört wie die Familie Marcos. Duterte wird an der Realverfassung des Landes nicht vorbeigehen können.

In Sachen rabiater Populismus sind die reichen Industriestaaten vom exotisch anmutenden Südostasien  nicht  weit entfernt. Mit einem Donald Trump als möglichem Präsidenten der USA schließt der demokratische Westen auf. Trump befürwortet Foltermethoden, die schlimmer sind als Waterboarding. Er will Moslems in einer eigenen Datei registrieren, plant Millionen undokumentierte Einwanderer zu deportieren und kann sich nicht entschließen, die Internierung japanischstämmiger Amerikaner während des Zweiten Weltkrieges zu verurteilen. Autoritäre Populisten, die demokratisch an die Macht drängen, sind keine Besonderheit der Dritten Welt.