Die  gute Nachricht kommt aus der russischen Hauptstadt. Eine Friedensdemonstration mit 50 000 Teilnehmern gegen die Annexion der Krim am letzten Wochenende, das übertraf  selbst die kühnsten Erwartungen.  Luftballons in den  ukrainischen Nationalfarben blau und gelb, ukrainische Fahnen neben der russischen Trikolore.  Über Radio,  Fernsehen und das Internet hörten Millionen Ukrainer der Solidaritätskundgebung auf dem Puschkinplatz zu. Größere Antikriegsaktionen gegen das Vorgehen der eigenen Regierung hat es in der jüngeren Vergangenheit nur in Europa und Amerika vor dem Irakkrieg gegeben.

Trotz der vom Kreml verordneten nationalistischen Hysterie und  der abrupten Einschränkung unabhängiger Medien im Internet, stößt Putins  Kriegspropaganda  im eigenen Land an ihre Grenzen.

Die russischen Antikriegsaktivisten gehen auch für die eigene Zukunft auf die Straße. Bleibt Putin mit seiner Strategie von Aggression nach außen, Chauvinismus und Desinformation nach innen, erfolgreich, dann wird nicht nur der Nachbarstaat Ukraine zerrissen. Über Russland, das sich  nach den wirren Jelzin-Jahren als ein zwar halbautoritärer aber  gegenüber den Einflüssen der Welt offener Staat stabilisiert hat, würde sich der Vorhang der Zensur senken. Bereits laufen Säuberungswellen in populären Informationsportalen.  Journalisten, die sich der Propagandalinie des Kremls widersetzen, gelten als fünfte Kolonne des Feindes.  In der Russischen Föderation, immerhin die zweitgrößte Atommacht der Erde, wächst ein nach außen unberechenbares und nach innen diktatorisches Regime.

Das Referendum auf der Krim ist die neue Stufe einer Auseinandersetzung, in der sich die geopolitische Zukunft des Kontinents und der Charakter des russischen Staates entscheiden. Die  Vergleiche  mit dem Kosovo oder gar den Unabhängigkeitsbestrebungen Schottlands sind absurd. Abgestimmt wurde auf der  Krim, um sich im Nachhinein einen militärischen Handstreich  legitimieren zu lassen.  Das Volk spielte mit.

Eine Entspannung um die russischen Außengrenzen mag man sich wünschen. Nach der von der Kremlführung orchestrierten Aktion steht jedoch eine  Verschärfung bevor.

Europäer und Amerikaner sind dabei Konten einzufrieren und Einreiseverbote zu verhängen. Putin  wird  mit gleicher Münze zurückzahlen.  Bereits verschieben russische Milliardäre ihre im Westen geparkten Gelder  in Richtung Asien.  Russland  registriert parallel dazu einen Kapitalabschluss internationaler Investoren. Auch ein Wirtschaftskrieg ist nicht  mehr ausgeschlossen,  bei dem Produktionsstätten, Handelshäuser und Banken zu Geiseln  werden.

Nach der  Annexion der Krim steht das staatliche Überleben der  Ukraine auf dem Spiel. Längst verfügen  Militär und Geheimdienste in Russland  über detaillierte Pläne, wie die östlichen Industriegebiete des unruhigen Nachbarn  am besten zu destabilisieren sind.   Die  Uniformen ohne staatliche Insignien, über die westliche Korrespondenten staunen, sind nicht nur für die Krim bestimmt.

Die meisten Außenpolitikexperten in Moskau gehen davon aus, dass Putin keine Zerschlagung der Ukraine riskieren wird.  In den europäischen Hauptstädten ist man da nicht mehr so sicher. Selbst Frank-Walter Steinmeier, der als Russlandfreund geltende deutsche Außenminister, zeigt sich  irritiert, weil der Kreml systematisch alle Angebote zur Deeskalation ablehnt.

Ob die russische Führung  die Eskalation stoppt, wird von der Kosten-Nutzen-Rechnung des Kremls abhängen. Aber Putin hat sich in der Ukraine  häufig verrechnet. Die Revolution des Maidan als Reaktion auf den erzwungenen Bruch  mit Europa hat den russischen Präsidenten völlig überrascht. Auch in den Umsturztagen Ende Februar, als der prorussische Janukowitsch  Hals über Kopf aus dem nächtlichen Kiew floh, ist für Putin irgendetwas  total schiefgelaufen. Bis heute gibt es keine Erklärung, warum die Sondereinheiten  des ukrainischen Innenministeriums Stunden nach Unterzeichnung des Waffenstillstandes mit der Opposition den Schutz des Präsidenten aufgegeben haben.  Der  Einmarschbefehl für die  Krim war unter diesem Blickwinkel  die Reaktion auf den selbst verschuldeten Verlust der Kontrolle über den Nachbarn.  Ob  Putin es damit bewenden lässt, ist fraglich.

Der Kampf um die  Ukraine wird mit diplomatischen und wirtschaftlichen Waffen geführt.  Für die Außenpolitik der Europäer  ist Auseinandersetzung so entscheidend, wie in den vergangenen Jahren für die Wirtschaft  das Ringen um den Euro.  Wenn  die Ukraine als neutraler Brückenstaat überlebt, demokratisch und föderal, wäre das ein Triumph der Demokratie mit Hilfe europäischer Soft Power.   In den mutigen russischen Demokraten hat Europa  seine wichtigsten Verbündeten. Zu einem Ost-Westkonflikt, der  russische Bürger generell trifft, darf  das Kräftemessen mit  Putin nicht werden.