Nordkorea macht sogar Fidel Castro Angst. Von seinem Altenteil aus warnt der pensionierte Revolutionär den Jungdiktator im fernen Asien vor einem Spiel mit dem Leben von Millionen durch  atomare Drohgebärden. 1962 hatte der gleiche Castro noch getobt, weil Chruschtschow  der nuklearen Konfrontation mit den USA  aus dem Weg ging.

  Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist Korea 2013 nicht annähernd so gefährlich wie die Kubakrise vor 50 Jahren. Aber einen Staat, der der Supermacht Amerika einen Atomangriff in Aussicht stellt,  hat es  noch nie gegeben.

   Je länger das rhetorische Bombardement aus Pjöngjang andauert, desto größer wird das Risiko  realer Feindseligkeiten. Erst vor drei Jahren hat Nordkorea ein südkoreanisches Schiff versenkt. Das aktuelle Kriegsgeschrei des Nordens würde eine ähnliche Provokation noch  folgenschwerer machen.

  Es gehört zum unwirklichen Charakter dieser Krise, dass man in Washington tagelang mit Achselzucken  reagiert hat.  Westliche Reporter berichten auch von  Normalität in den Straßen von Pjöngjang. Aus den Lautsprechern tönen revolutionäre Lieder. Die größte Ansammlung von Soldaten fand der Korrespondent des britischen Economist jedoch beim Bäumepflanzen in einem Park. Auch Südkorea meldet keine Truppenbewegungen des Nordens. Dafür zieren grelle Bilder mit Raketen, die auf Washington DC niederprasseln, die Plakatwände des Landes.

  Nordkorea begründet seine Kriegsdrohungen mit verschärften Sanktionen der Vereinten Nationen. Allerdings haben  auch Russland und China mit Ja gestimmt. Die Sanktionen sind eine Reaktion  auf den jüngsten unterirdischen Test der Atommacht Nordkorea.

  Was den Schlagabtausch so gespenstisch macht ist der historische Hintergrund: der Koreakrieg war die blutigste Auseinandersetzung des Kalten Krieges. Als China eingriff  wollte  US-Oberbefehlshaber Douglas MacArthur sechs Jahre nach Hiroshima und Nagasaki neuerlich Atomwaffen einsetzen. Harry Truman musste ein Veto einlegen und den unberechenbaren Kriegshelden absetzen. Wie man heute weiß, saßen in vielen chinesischen Kampfflugzeugen sowjetische Piloten. Die Halbinsel lag am Ende in Schutt und Asche.  

  Die kriegerische Rhetorik gehört seither zur Technik der Macht der von Staatsgründer Kim Il Sung geschaffenen nordkoreanischen Dynastie. Immer wieder kam  es auch zu  bewaffneten Zwischenfällen. Zu einem ernsten Waffengang sind sie nie eskaliert. In einer Tauwetterphase wurde die Waffenstillstandslinie gar zur Touristenattraktion. Die unterirdischen Tunnels nordkoreanischer Saboteure waren für die  Kinder des südkoreanischen Wirtschaftswunders Relikte einer gruseligen Vergangenheit. Im südkoreanischen Ministerium für Wiedervereinigung erklärten die Vertreter der Sonnenscheinpolitik dem Besucher aus Europa,  der inzwischen verstorbene Kim Jong Il sei ein Reformer fast wie Michail Gorbatschow. Die Sonderwirtschaftszone von Kaesong ist ein Relikt aus dieser Zeit.

   Kim Jong Un, der seit eineinhalb Jahren an der Spitze steht, soll als Teenager eine Schweizer Schule besucht haben. Restlos bewiesen ist das  nicht. Von der Welt hat er wohl mehr mitbekommen, als die sektenhafte Juche Theorie seines  Großvaters.  Aber um sich durchsetzen im inneren Machtgefüge des Landes muss er einen Krieg gewinnen. Und sei es ein Propagandakrieg. Schließlich ist er inzwischen zum Marschall der nordkoreanischen Armee aufgestiegen.

    Wenn diese These  stimmt, will Nordkorea vor allem einen Krieg der Worte, in dem  scharfen Waffen eine untergeordnete Rolle spielen.  Jede symbolische  Konzession der USA, vielleicht nach einem Raketentest oder einem Schusswechsel auf hoher See, könnte Kim Jong dann als innenpolitischen Triumph verkaufen.

  Offensichtlich fürchtet sogar  China die Risiken eines derartigen Kalküls. Nordkorea ist zwar wirtschaftlich  stark mit dem großen Nachbarn verbunden. 80 Prozent der Energie kommt aus dem Reich der Mitte. Aber politisch hat Pjöngjang nie nach chinesischer Pfeife getanzt. Im chinesisch-sowjetischen Konflikt ging Kim Il Sung einen  unabhängigen Weg.

  Der einzige beruhigende  Faktor ist  die besonnene Haltung der Großmächte. Über die Notwendigkeit von Regime Change  in einem Schurkenstaat, wie unter George W.Bush, spricht heute niemand in Washington DC.  Gelingt es Chinesen und Amerikanern  die Nordkoreakrise gemeinsam zu meistern, dann könnte daraus eine wichtige  Vertrauensbasis für die Zukunft entstehen.

  Der gegenteilige Effekt ist für den Streit um das iranische Nuklearprogramm zu erwarten. Eine Atommacht kann sich offensichtlich sehr  viel erlauben. Ein starkes Argument für die iranischen Hardliner, die den Bau der  Bombe befürworten. In den  USA werden sich dagegen  jene bestätigt sehen, die eine neue Atommacht unter allen Umständen verhindern wollen.