Welche Verbindungen die Attentäter von Boston zu politischen Extremisten hatten, bleibt unklar. Die blutige Geschichte ihrer  ursprünglichen Heimat Tschetschenien war Nährboden für viele Gewalttaten.  Aber Russland, nicht Amerika, ist der Todfeind der  tschetschenischen Dschihadisten.  Außerhalb der Grenzen des russischen Vielvölkerstaates gab es Mordanschläge gegen  Oppositionelle, wie auch in Wien, aber keinen Terror.

  Die beiden jugendlichen Attentäter von Boston sind vom importierten, professionellen Terror Al Kaidas  weit entfernt.

  Trotzdem war Boston nicht einfach ein Produkt Amerikas, wie  der Anschlag des  rechtsextremen Timothy McVeigh in Oklahoma City vor ziemlich genau 18 Jahren. Es gab damals 168 Tote. Die Medien hatten tagelang über einen islamistischen Hintergrund spekuliert. Schließlich stellte sich heraus,  dass Verschwörer aus dem Kreis rechter Milizen hinter der Mordtat standen.  

  Die Bomben von Bosten zeigen, wie die  Trennlinien zwischen hausgemachtem  und internationalem Terror verschwimmen. Die amerikanische Publizistin Ann Applebaum zeichnet Parallelen zur  Bombenserie in London  2005. Die Londoner Attentäter waren Briten mit pakistanischem Familienhintergrund.  Einen direkten Zusammenhang mit Al Kaida hat man nie nachweisen können.

  Auch die Anschläge des Mohammed Merah gegen die Jüdische Schule von Toulouse lassen sich in diese Kategorie einreihen. Die französische Polizei hatte mit dem aus einer algerischen Familie kommenden Merah ebenso Kontakt gehabt, wie das amerikanische FBI mit Tamerlan Zarnajew.

  In allen Fällen waren die Attentäter Einwanderer der zweiten Generation, die zwar in Europa oder Amerika aufgewachsen sind, sich aber nie wirklich dazugehörig gefühlt haben. Die missglückte Integration warf die jungen Männer zurück auf die Identität der mythologisierten ursprünglichen Heimat, schreibt Anne Applebaum in der Washington Post.  An diesem Punkt spielt der Islam eine Rolle, den der Bostoner Teenager Dschochor Zarnajew neben der sehr amerikanischen Vorliebe zu „Karriere und Geld“ im Internet als für ihn besonders wichtig bezeichnet hat.

  Tschetschenien war nach dem Ende der Sowjetunion  in zwei Feldzügen von der russischen Armee zerstört worden. Säkularer  Nationalismus war die wichtigste Triebkraft der tschetschenischen Kämpfer. Die Geiselnehmer der Schule von Beslan oder die schwarzen Witwen, die für Selbstmordanschläge in Moskau verantwortlich waren, wollten ein unabhängiges Tschetschenien. Dieser Kampf ist gescheitert. Grosny, noch vor 15 Jahren total zerstört, ist wiederaufgebaut. Der von Putins Gnaden autoritär regierende tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow setzt den Islam als Herrschaftsideologie ein.  Die Rebellengruppen, die den Kaukasus zur gefährlichen Unruhezone machen, bomben nicht mehr für ein freies Tschetschenien sondern  für ein islamistisches Kalifat.

  Die russische Regierung behauptet, dass Tschetschenen auch  in der syrischen Opposition eine gewichtige Rolle spielen. Der Kampf gegen Baschar al Assad mobilisiert  Gotteskrieger aus aller Welt.  Mehrere hundert islamistisch motivierte junge Abenteurer aus Europa haben sich der syrischen Rebellion angeschlossen haben.  

  Der Innenminister in  Den Haag reagiert  schockiert,  weil auf einem Rebellenvideo aus Syrien zu sehen ist, wie die Kämpfer miteinander niederländisch sprechen.  In Belgien registrierte die Polizei bereits vor ein paar Monaten, dass radikalisierte Jugendliche, die überwacht wurden, plötzlich verschwunden waren. Sie sollen in Syrien wieder aufgetaucht sein.

     Hunderte Jugendliche sitzen  vor dem Computer und ziehen sich ein Märtyrervideo nach dem anderen herein, beschreibt der langjährige oberste Antiterrorjäger Belgiens, Alain  Gignard, die Situation. Jobs sind keine in Sicht. Die Versuchung, selbst zur Tat zu schreiten, egal ob in der europäischen Heimat  oder an der nahöstlichen Front,  sei riesengroß.

  Für die EU-Innenminister ist es ein brennendes Thema: welche Gefahren drohen, wenn hunderte kampferfahrene  Legionäre aus Syrien  in die europäische Heimat zurückkehren?  

  Einfache Antworten gibt es keine. Mehr Überwachung als in den USA ist unrealistisch. Auch die  Bespitzelungsbefugnisse der  amerikanischen Exekutive seit 9/11  haben Boston nicht verhindert.  Bessere Integration ist sicher ein richtiger Ansatz. Aber manchmal geht Integration verheerend schief. Auch dafür stehen die Brüder Zarnajew.

   Zu hoffen ist, dass in den USA die geplante Einwanderungsreform in den USA, die Millionen undokumentierten Migranten den Weg zur Staatsbürgerschaft ebnen soll, kein Opfer der Hysterie rund um den Bostoner Anschlag wird. Präsident Obama  demonstrierte in den Krisentagen, wie  Führungsstärke in einer pluralistischen Demokratie funktionieren kann, ganz wie  Norwegens Regierungschefs in den Tagen des Breivik-Massakers.  Die Welt hat sich verändert seit 9/11.