Wie ORF-Korrespondent Löw irrtümlich Chinas Premier überraschte

Interview | Harald Fidler
17. März 2015, 12:04

In Chinas Zeitungen als Mann, der sich „das Mikrofon schnappte“ – Halben Arbeitstag Katz-und-Maus-Spiel gegen Internetzensur

STANDARD: Sie sind seit drei Monaten ORF-Korrespondent in Peking – und schon berichten einige chinesische Zeitungen mit Bild von Ihnen. Sie sollen sich bei der großen Pressekonferenz des chinesischen Premiers Li Keqiang das Mikrofon außer Protokoll geschnappt haben – und ihm eine nicht vorher approbierte Frage gestellt haben.

Löw: Die Pressekonferenzen des chinesischen Premiers sind eine wirklich große Sache – sie werden von Anfang bis zum Ende im Fernsehen übertragen, das würde sich wohl mancher europäische Regierungschef auch wünschen. Die Fragen und Antworten werden in den Zeitungen praktisch komplett abgedruckt. Aber: Wer eine Frage stellen will, muss sie vorher beim Außenministerium ankündigen.

STANDARD: Und Sie haben den Dienstweg nicht eingehalten?

Löw: Doch. Es gibt unter den Korrespondenten immer wieder Diskussionen, ob dieser Ablauf nicht unseren journalistischen Traditionen widerspricht, ob man das nicht boykottieren sollte. Aber in Asien, nicht nur in China, ist das etwas anders. Aber ich habe die Frage zur Ukraine, die mich interessiert hat, dem Außenministerium mitgeteilt. Man hat mich zurückgerufen und mir mitgeteilt, dass man das gar nicht gut findet, die Frage würde sich doch eher an den Außenminister richten und nicht den Premier. Ich solle doch eine andere Frage stellen.

STANDARD: Haben Sie sich überreden lassen?

Löw: Nein, eine andere Frage wollte ich nicht stellen. Andere Kollegen haben sich dann mit dem Ministerium auf eine Frage geeinigt.

STANDARD: Und wie kamen Sie doch dazu, sie dem Premier zu stellen?

Löw: Ich saß relativ weit hinten, neben meinem Kollegen von der spanischen Nachrichtenagentur Efe, ich hörte nur die Aufforderung zur Frage und ein Wort mit „F“.

STANDARD: Das Sie für „ORF“ gehalten haben.

Löw: Und im selben Moment kommt einer der Beamten mit dem Mikrofon in meine Richtung. Ich war positiv überrascht, hab mir gedacht, man hat es sich anders überlegt, vielleicht ist es doch flexibler und freier, als wir dachten – und stellte meine Frage zur Ukraine. Das hat wiederum das Podium überrascht – gemeint war nämlich der Kollege von der Efe neben mir. Der hat das aber übrigens ebenso wenig mitbekommen wie ich.

STANDARD: Und haben Sie eine passende Antwort bekommen?

Löw: Ja. Ich wollte die Haltung Chinas zur anhaltenden Präsenz russischer Truppen in der Ukraine und zur Invasion der Krim hören. Gehört die Krim nun aus chinesischer Sicht zu Russland oder zur Ukraine? Die Antwort klang nicht so perfekt vorbereitet wie die übrigen, was einige Kollegen fragen ließ, ob ich die Frage nicht einreichen musste.

STANDARD: Nämlich?

Löw: Wir sind für die territoriale Souveränität der Ukraine, das ist alles sehr kompliziert, und wir sind für Dialog. Daraus höre ich einen Unterschied zur russischen Position: Putin möchte sicher keinen Dialog über die Krim. Staatliche Souveränität, Unverletzbarkeit der Grenzen ist ein totales Mantra der chinesischen Außenpolitik.

STANDARD: Gab es Reaktionen der Behörden auf Ihr ungewohnt spontanes Zugreifen und Fragen?

Löw: Bis jetzt nicht.

STANDARD: Aber der Mikrofonträgerbeamte hat nun vermutlich einen neuen Job.

Löw: Es gab nach dem Vorfall sicher Krisenmanagement und Diskussionen, wie das passieren konnte. Dabei ist es eigentlich so einfach: Wenn mir jemand bei einer Pressekonferenz ein Mikrofon reicht, nehme ich es und stelle eine Frage.

STANDARD: Sie sind jetzt seit drei Monaten Korrespondent in China. Wie sind denn Ihre ersten Erfahrungen und Eindrücke – insbesondere mit den Bedingungen journalistischer Arbeit?

Löw: In den drei Monaten hier bin ich nicht mit irgendwelchen Repressionen konfrontiert gewesen. Aber im Alltag kann es schon extrem nerven, wenn man den halben Tag damit verbringt, die Internetzensur auszutricksen. Es ist ein unglaublich dynamisches Land. Man merkt die Power in diesem Land. Es gibt auch eine gewisse Vielfalt. Aber es gibt ein unglaubliches Bemühen der Zentralmacht, zu kontrollieren. Dafür hat die Zentralmacht viel mehr Möglichkeiten, als wir je gedacht haben. Wir dachten, das Internet wird die Freiheit bringen. Aber in diesem riesigen Land mit seinen 1,3 Milliarden Menschen sind Hunderttausende damit beschäftigt, im Web Informationen und Diskussionen zu zensieren, bestimmte Wörter zu streichen, zu verbieten. Wir Journalisten sind ständig damit beschäftig, VPN-Kanäle nach draußen zu finden, die gerade funktionieren. Die APA ist nicht zugänglich, die „New York Times“ ist nicht zugänglich, Google geht nicht in China. Google hat sich geweigert, sich den Vorschriften der chinesischen Internetzensur zu unterwerfen.

STANDARD: Aber man findet Wege zur APA oder zu Google.

Löw: Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Einen Tag geht dieser VPN-Kanal, den anderen jener. Das ist ein ganz anderes Arbeiten als in einem Land ohne diese autoritären Strukturen. Aber: Es ist hochspannend hier. (Harald Fidler, derStandard.at, 17.3.2015)

Chinesische Zeitungen berichten über den Vorfall – mit englischer Übersetzung

China Daily

foto: screenshot

Source: China Daily (Chinese)

Headline: The ‘secret war’ of the premier’s press conference: EFE gets the microphone snatched Excerpts: […] According to a report, the premier’s press conference is originally meant to give foreign press the opportunity to ask questions, to let them have a better understanding of China, therefore by means of an invitation letter more and more foreign media and media from Hong Kong and Taiwan are invited to ask questions. Despite this, foreign media have to rack their brain to have the opportunity to use this unique occasion in the year to ask a question to the premier. For the second year the reporter from UK’s Financial Times came to the venue very early to seize his seat in the first row and showed up with a red necktie. Moreover, Spain EFE’s reported got a bit confused when it suddenly happened that he was chosen for a question. A moment of hesitation, and the reporter from Austrian tv sitting beside him grab the microphone and asks a question, too late for anything but a sigh for the Spanish reporter […]

People Daily

foto: screenshot

Source: People Daily, Online congress edition (only photo)

Headline: Head of National Reform and Development Commission Xu Shaoshi press conference: Austrian tv journalist asking a question Caption: Austrian tv journalist asking a question

Phoenix media

foto: screenshot

Source: Phoenix media

Headline: EFE reporter gets chosen, microphone snatched by Austrian tv’s reporter

Excerpt: […] The premier passes the right to make a decision to the reporters attending the conference: „If you want to have lunch, we close the conference right now“. The reporters refuse and the anchor Fu Ying suggests to ask two more questions. One reporter from EFE take the lead to seize this opportunity and luckily gets chosen, but while he prepares to ask the question, the microphone gets snatched by one reporter from Austrian tv sitting beside him. The Austrian reporter who snatched the microphone asks the premier how does he see the situation of Ukraine […]

Raimund Löw: Der Journalist, der sich das Mikro nahm. ORF-Mann Raimund Löw ist seit Sonntag in China weltberühmt. Warum? Er stellte dem Premierminister eine nicht abgesprochene Frage.

Autor: Philipp Wilhelmer

Live vor hunderten Millionen verfolgt: Raimund Löw stellt eine nicht abgesprochen Frage an Chinas Nummer zwei.

Live vor hunderten Millionen verfolgt: Raimund Löw stellt eine nicht abgesprochen Frage an Chinas Nummer zwei. – Foto: /Screenshot

Am Sonntag ruhten in China alle Augen auf Premierminister Li Keqiang: Der zweite Mann im Staat gab seine jährliche Pressekonferenz zum Ende des zehntägigen Volkskongresses. Im Publikum: Rund 900 Journalisten, Diplomaten und politische Würdenträger. Den Berichterstattern kam dabei die Rolle zu, vorher abgesegnete Fragen an Li zu richten, die dieser dann – ebenso vorbereitet – beantwortete. Aus der Reihe tanzte unabsichtlich ORF-Korrespondent Raimund Löw, der für seinen Sitznachbarn das Mikro nahm und eine Frage zur Krim-Krise stellte – die vorab nicht genehmigt worden war. Der Premier staunte und ein Millionenpublikum mit ihm.

Der KURIER erreichte Löw in Peking, der sich angesichts seines neuen Ruhmes amüsiert zeigte, aber mit keinen Schwierigkeiten für seine Arbeit rechnet.

Raimund Löw bei der PK des chinesischen Premiers…
So war Löw am Sonntag in der ZiB zu sehen. – Foto: /ORF

KURIER: Herr Löw, Sie sind als Korrespondent binnen dreier Monate in China zum Objekt der Berichterstattung geworden. Wie kam es zu dem Mikro-Missverständnis?

 

Raimund Löw: Die Pressekonferenz des Premierministers ist ein Staatsakt, und wir sind als Auslandskorrespondenten eingeladen, zur Pressekonferenz zu kommen. Dabei ist es Usus, dass man die Frage eine Woche vorher beim chinesischen Außenministerium bekannt gibt.

Sie planten eine Frage zur russischen Annexion der Krim, die nicht genehmigt wurde. Und ich bin deswegen nicht davon ausgegangen, dass ich eine Frage stellen werde dürfen. Bei der Pressekonferenz saß ich im hinteren Bereich der Halle neben dem Kollegen von der spanischen Agentur Efe. Aufgrund der Akustik war da hinten nicht immer so klar, wer gerade aufgerufen wird. Auch für die Saaldiener, die die Mikrofone bringen. Dann wurde jemand mit „f“ aufgerufen, und ich war der Meinung, das war „ORF“. Auch der Kollege von der Efe, der gemeint war, hat nicht reagiert. Der Saaldiener kam auf mich zu und hat mir das Mikrofon entgegengehalten. Ich habe also meine Frage gestellt. Dass dann in den Zeitungen gestanden ist, ich hätte das Mikrofon geschnappt, ist völliger Unsinn. Es war allerdings für die Hunderten Millionen Zuseher im TV klar, weil die guten Ton hatten. Die chinesischen Medien haben eine große Geschichte daraus gemacht, was ich interessant fand, weil es das Bedürfnis zeigt, dass einmal etwas nicht planmäßig abläuft.

Wie war der Tenor der Berichte? Wurden Sie kritisiert oder gelobt?

In etwa so: „Da sieht man, wie interessant die Pressekonferenz des Premiers ist, wenn sich die europäischen Korrespondenten das Mikrofon aus der Hand reißen.“

Sie haben Li gefragt, ob die Krim Russland oder der Ukraine gehört. Was war die Antwort?Es sei ein kompliziertes Problem, und er sei dafür, dass das im Dialog gelöst wird. Da weicht er meiner Meinung nach von der russischen Position doch ab. Putin will sicher keinen Dialog – der möchte die Krim.

Erwarten Sie sich Nachteile durch die ungeplante Frage?Es kommt natürlich immer wieder vor, dass Korrespondenten in China Probleme haben, aber nicht wegen so etwas, das glaube ich nicht. Es ist ja nichts passiert.

Sie sind seit Jänner für den ORF in Peking stationiert. Was hat Sie in dieser Zeit am stärksten beeindruckt?

Die prägendste Erfahrung für mich ist immer, wenn ich im Büro sitze und auf die Weltkarte schaue, auf der China in der Mitte ist und Europa ganz am Rand. Das verändert die Perspektiven und die Dimensionen: Wir streiten in Europa, ob wir mit Griechenland zurechtkommen oder nicht. Das sind zwei Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung. Gleichzeitig hat Griechenland nicht einmal so viele Einwohner wie Peking.

Wirbel um ORF-Korrespondent Raimund Löw in Peking, Kleine Zeitung, 18.3.2015

Wie sich ORF-Korrespondent Raimund Löw bei der Pressekonferenz von Premierminister Li Keqiang in Peking „das Mikrofon schnappte“, geht durch Chinas Medien. Von Christoph Steiner

Raimund Löw bei Phoenix Media Foto © Phoenix Media

Für reichlich Gesprächsstoff sorgt dieser Tage ORF-Journalist Raimund Löw (63) in China. Zu Jahresbeginn verlegte er sein Korrespondenten-Büro von Brüssel nach Peking und war in dieser Funktion am Sonntag auf der einzigen Pressekonferenz, die Chinas Regierung im Jahr abhält – stets im Anschluss an den zehntägigen Volkskongress der Kommunistischen Partei. Am Podium saß mit dem Premierminister Li Keqiang der zweitwichtigste Mann des Landes mit 1,3 Milliarden Einwohnern, vor ihm rund 900 Journalisten. Raimund Löw durfte seine Frage an den Politiker jedoch nicht stellen. Traditionell sind Fragen von Korrespondenten vorab dem Außenministerium vorzulegen, die des Wieners wurde als unpassend abgelehnt.

Wenn man mir bei einer Pressekonferenz das Mikrofon hinhält, dann nehme ich es und stelle meine Frage.Raimund Löw, China-Korrespondent

 

„Plötzlich habe ich aber gehört, dass ein Sender mit ,F‘ aufgerufen wurde und die Saaldiener bewegten sich mit dem Mikro auf mich zu“, erzählt Löw der Kleinen Zeitung.  „Da habe ich mich gefreut, denn wenn man mir bei einer Pressekonferenz das Mikrofon hinhält, dann nehme ich es und stelle meine Frage.“

Der Korrespondent wollte von Li Keqiang wissen, was ihm das Ministerium zuvor untersagte: „Wie steht China zur anhaltenden Präsenz russischer Truppen auf ukrainischem Territorium und gehört die Krim zu Russland oder der Ukraine?“ Die Verwunderung im Saal war groß, denn für Löw war das Mikrofon natürlich nicht bestimmt. Die Saaldiener waren vielmehr auf dem Weg zu seinem Kollegen von EFE, der spanischen Nachrichtenagentur, der neben Löw saß. Allerdings verstand er im vorangegangenen Aufruf nur „F“ nicht EFE. „Die Pressekonferenz wird in ganz China live übertragen und da war das deutlich zu hören. Im Saal allerdings nicht“, erinnert sich Löw.

Aber, der Premierminister hat sich Löw gestellt: „Zuerst hat er a bissl g’schaut, weil er eine andere Frage erwartet und eine andere Antwort vor sich liegen gehabt hat“, erzählt Löw. Li Keqiang habe dann aber souverän geantwortet: „Allerdings ist die Position nicht total ident mit der russischen Sichtweise“, wunderte sich Löw. „Wenn Keqiang sagt, China stelle sich einen Dialog über die Krim vor, dann ist das nichts, was Wladimir Putin freut. Da hat China schon einen anderen Zungenschlag als sein Freund Russland.“

 

 

In vielen chinesischen Medien wird derzeit über den Korrespondenten aus Österreich berichtet, der sich das Mikrofon einfach „geschnappt“ habe, wie etwa Phoenix Media schreibt. Die Reaktion seiner chinesischen Kollegen sind dabei zwiegespalten: „Auf der einen Seite habe ich gegen die Etikette verstoßen, andererseits wurde durch die Reaktion des Premierministers auch gezeigt wie souverän Chinesen mit so etwas umgehen. Und die Szene eignet sich auch dafür zu zeigen, hier in China ist eh alles nicht so getürkt“, sagt Löw, der von Seiten des Ministeriums keine Konsequenzen befürchtet.

„Es ist ein völlig anderes Arbeiten“, resümiert Löw nach dreieinhalb Monaten in China. „Es ist natürlich eine Diktatur und es herrscht Internetzensur. Allerdings funktionieren die Mobiltelefone sehr gut.“ Bleiben möchte er noch länger: „Ich bin erst seit Anfang des Jahres da und so schnell bringt man mich nicht weg.“