Verhältnismäßig enttäuschend verlaufen die Olympischen Spiele für die Sportgroßmacht China. Während optimistische Prognosen in China von mehr als 30 Goldmedaillien ausgingen, fiel das Reich der Mitte mit 20 (bitte letzten Stand checken) sogar hinter Großbritannien zurück. Die chinesische Öffentlichkeit, die bei solchen Anlässen gerne superpatriotisch ist, zeigte sich jedoch erstaunlich gelassen, berichtet aus Peking Asien-Korrespondent Raimund Löw.

Den Empfang für den größten Star der Spiele aus Sicht der chinesischen Zuseher hat es in Peking schon diese Woche gegeben. Die Schwimmerin Fu Yuanhui ist der Liebling des Publikums, und zwar weniger wegen ihrer Medaillien, als wegen ihrer lebendigen Interviews und den lustigen Grimassen, die sie dabei zieht.

OT 1

Was 58,95 habe ich gemacht, staunt sie vor laufender Kamera! Uuh, war ich wirklich so schnell, jauchzt die 20jährige. Dabei hatte sie nicht Gold sondern nur Bronze gemacht, was in der ehrgeizigen Sportlerwelt Chinas bisher zu wenig war.

Von Spitzensportlern bekam man in China traditionsgemäß eingelernte Sprüche über den Dank an Staat und Partei zu hören. Dieses Ritual hat Schwimmerin Fu ordentlich durchbrochen.

OT 2

Dass sie einmal nicht ganz so schnell war, wie erwartet, erklärt sie unbekümmert mit der Monatsregel, die sie gerade schmerzt.

Die Schwimmerin hat inzwischen Millionen Fans im Internet. Auf T-Shirts und Handytaschen ist ihr Bild zu sehen.

Eine Tischtennisspielerin liess wissen, dass sie vor der Abreise nach Rio mit ihrem Freund Schluss gemacht hat, um besser zu spielen. Umgekehrt hielt ein chinesischer Schwimmstar seine Freundin um ihre Hand an, ausgerechnet am Siegerpodium, auf dem dieser gerade die Silbermedaillie überreicht worden war.

Vielleicht ist es ein Zeichen der Reife, dass Sportler bei Olympischen Spielen nicht mehr das Gefühl haben, dass sie für die ganze Nation auf politischer Mission sind, liest man im unabhängigen Wochenmagazin Caixin. Vielleicht befreit sich China von seiner Obsession mit Goldmedaillien?

Aber im Vergleich zu den hochgeschraubten Erwartungen wird das Medaillenergebnis von vielen doch auch als enttäuschend empfunden.

Was, jetzt fällt China sogar hinter den Briten zurück, die gerade die EU verlassen? Wundert sich im Onlinedienst Weibo ein Bürger. Die chinesische Nachrichtenagentur spricht gar von einem Trauma. Bei einem Bericht der britischen BBC über ein enttäuschendes Abschneiden der chinesischen Gymnastikathleten griff man zur Sicherheit zum altbewährten Mittel der Zensur: der Bildschirm wurde während des kritischen Beitrages in ganz China schwarz.

Mitte dieser Woche ermahnte die oberste chinesische Medienbehörde die Redaktionen, doch etwas weniger über die LeidensGefühle der Athleten und mehr über ihren patriotischen Geist zu schreiben.

Ausführlich spekulieren die Medien, was wirklich hinter der geschrumpften Ausbeute steckt. Veränderte Regeln bei den Bewerben und eine Lockerung beim Trainingsprogramm werden als Gründe genannt. Ein Experte vermutet, dass der wachsende Wohlstand vielleicht weniger Eltern dazu bringt, die Kinder den extrem harten staatlichen Trainingsprogrammen auszusetzen.

Einen Trost für die leidgeprüften chinesischen Fans brachten die letzten Tage, als China zumindest im Tischtennis seine Stellung als Supermacht bestätigen konnte. Besonders wichtig: die japanischen Tischtennisspieler wurden souverän besiegt. Aber schon liest man warnende Stimmen im Internet: die nächsten Olympischen Sommerspiele finden in Tokyo statt. Die Japaner werden bis 2020 mit Sicherheit ganz besonders hart trainieren.