Die halbe Abdankung des japanischen Kaisers, der fürchtet, dass er demnächst aus Altergründen seine Aufgaben nicht mehr erfüllen kann, bringt Japans politische Klasse ins Schwitzen.

Was die politischen Ansichten Kaiser Akihitos sind, kann man eigentlich nur vermuten.

Wahrscheinlich ist der Kaiser liberaler als die jetzige konservative Regierung. Er hat sich zum Beispiel sehr viel eindeutiger für die verheerende Rolle Japans im Zweiten Weltkrieg entschuldigt, als der Premierminister Abe. Er hat Reisen nach Nordkorea und China unternommen und dadurch geholfen, dass das Erbe des Weltkrieges in Asien irgendwie überwunden wurde.

Auch dass er jetzt zu verstehen gibt, er kann eigentlich nicht mehr und die Möglichkeit haben will zurückzutreten, ist ein nonkonformistischer Akt. In Tokyo heisst es, dass der Regierungschef gar nicht glücklich ist, der will möglichst wenig Änderungen.

Vielleicht ist das ein bisschen mit dem früheren Papst zu vergleichen, der das Zepter zu Lebzeiten weitergegeben hat.

Die Japanischen Politiker müssen jetzt mit der Situation umgehen. Vielleicht wird die japanische Monarchie dadurch als Institution ein bisschen moderner werden. Das einzige Kind des Thronfolgers ist seine Tochter. Vielleicht wird Japan jetzt auch diskutieren müssen, ob es einmal nicht auch eine Kaiser geben könnte. Die halbe Abdankung des Kaisers könnte helfen, das etwas verstaubte japanische Staatswesen etwas zu modernisieren.

Symbolisch hat der Kaiser in Japan eine riesige Bedeutung. In der politischen Praxis überhaupt keine. Es war heute überhaupt das zweite Mal in seiner gesamten Amtszeit, dass sich Akihito in einer Videobotschaft an sein Volk gewendet hat. Und er durfte nicht aussprechen, dass er gerne abdanken möchte. Weil das gesetzlich nicht vorgesehen ist, und er als Kaiser sich nicht für eine Gesetzesänderung einsetzen darf. Das wäre eine politische Einmischung.

Aber angedeutet hat er schon, was er möchte, im allerletzten Satz, wo er sagt, seine offiziellen Funktionen könnte ein Regent ausüben, wenn er nicht mehr, kann. Also Akihito wäre weiter Kaiser, bis zu seinem Tod, aber Kronprinz Narahito würde alle offiziellen Funktionen wahrnehmen.

Darüber wird es im japanischen Parlament jetzt einen Meinungsbildungsprozess geben, das hat Premierminister Abe klargemacht.

Aus europäischer Sicht scheint es schwer verständlich, warum ein Kaiser nicht abdanken können soll. Dass Monarchen in Europa in Pension gehen ist ja ziemlich normal. In Japan ist das anders, weil die Symbolkraft des Tennos viel größer ist.

Aber Hirohito, der Vater des jetzigen Kaisers ist noch ein Gott gewesen, für die meisten Japaner. Millionen sind in den Tod gegangen für den Kaiser im Zweiten Weltkrieg. Die Amerikaner, die dem Land nach dem Zweiten Weltkrieg die Demokratie gebracht haben und die auch heute noch gültige Verfassung geschrieben haben, wollten das Kaiserhaus ursprünglich abschaffen. Man hat sich dann aber doch für Kontinuität entschieden, um den Preis, dass der Kaiser keinerlei politische Rolle ausüben darf.