Der Durchmarsch der sunnitischen Fundamentalisten im Irak verändert die Weltlage. Von den Staatsgrenzen, die im Nahen Osten seit dem  Zerfall des Osmanischen Reiches gelten, bleibt nicht mehr viel übrig. Die Türkei, der Libanon und Syrien, der Iran und Saudi Arabien werden  in den heraufziehenden Religionskrieg zwischen den großen Richtungen des Islam im Zweistromland hinein gezogen.

Seit der Einnahme der nordirakischen Metropole Mossul kontrolliert der Al Kaida-Ableger   ISIS, Islamischer Staat im Irak und Syrien,   ein Siedlungsgebiet von fünf Millionen Menschen. Mehr Untertanen als  Osama Bin Laden je hatte.  ISIS-Chef Abu Bakr al- Baghdadi ist  zum wichtigsten Anführer der Dschihadisten aufgestiegen. Im syrischen Bürgerkrieg hat er  andere Rebellen wegen hemmungsloser Folterpraktiken gegen sich aufgebracht. Die Videos, in denen  Andersgläubige  geköpft werden,  waren selbst Al Kaida-Anführer Al Sawahiri zu viel.

In den Banken von Mossul haben die Milizionäre Cash im Wert von hunderten Millionen  Euro erbeutet. ISIS wird damit zur reichsten Terrororganisation. Die fliehende  Armee hinterließ amerikanische Panzer, Helikopter und anderes hochmodernes  Kriegsgerät. An die Stelle der schwachen Staatsgebilde  in den Grenzen des  Sykes-Picot  Abkommens von 1916  will  al-Baghdadi  ein sunnitisches Kalifat errichten, das Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen führt.

Europa steckt längst mitten drin in dem sich abzeichnenden Dreißigjährigen Krieg im Nahen Osten. Auf 2000 bis 3000 schätzt der Anti-Terrorbeauftragte  der EU, Gilles de Kerchove, die Zahl der europäischen Legionäre, die bei der Rebellion gegen das Regime Baschar  al-Assads mitkämpfen.  Viele tausend junge Männer in Frankreich, Großbritannien, Belgien, Deutschland und anderen EU-Staaten, ziehen sich tagtäglich über das Internet heroische Selbstmordvideos islamistischer Kämpfen hinein, erzählt ein Experte in Brüssel. Die meisten Jugendlichen, die  in den Krieg ziehen, landen bei ISIS. So wie der Franzose Mehdi Nemmouche, der nach seiner Heimkehr aus  Syrien Ende Mai das Jüdische Museum in Brüssel betrat und mit seiner Kalaschnikow vier Menschen ermordete.

Für die USA ist der Fall von Mossul  das größte  Desaster seit der Eroberung von Saigon durch den Vietkong  1975. Milliarden und Aber-Milliarden von Dollar sind in  Ausbildung und  Bewaffnung der irakischen Streitkräfte geflossen. Angesichts des Vormarsches einiger tausend ISIS-Milizionäre hat sich die teure Armee innerhalb von Stunden aufgelöst. Die kopflose Flucht der Soldaten bedeutet, dass der Irak zerfällt. Die sunnitischen Stämme, die noch vor wenigen Jahren gegen Al Kaida kämpften, fühlen sich inzwischen von der schiitisch geführten Regierung Maliki in Bagdad unterdrückt. Sie öffnen den Milizionären Tür und Tor.

Mit dem offenen Krieg zwischen Sunniten und Schiiten im Irak bricht für die USA alles zusammen, was  sie seit dem Einmarsch 2003  angestrebt haben.   Der anfängliche  Sieg gegen das Baath-Regime erscheint rückblickend  sinnlos.  Hat es doch unter Saddam Hussein  im Irak zumindest Al Kaida nicht gegeben. Trotz riesiger Kosten und zehntausender Opfer  ist das Land  Aufmarschgebiet der gefährlichsten Terroristen geworden.

Noch ein Jahrzehnt später wirkt der schwerste Fehler nach, den die USA beim triumphalen Einzug in Bagdad 2003 begangen haben: die  unter Donald Rumsfeld verfügte Auflösung der   irakischen Armee und aller staatlichen Strukturen des Baath-Regimes. Vergeblich bemühte sich Washington seither,  den irakischen Staat wieder aufzubauen.  Barack Obama ist aus Bagdad 2011 möglicherweise zu früh abgezogen. Einige tausend US-Soldaten  hätten wohl gereicht, um die angreifenden ISIS-Milizen in die Schranken zu weisen.

Ein schwacher Trost im irakischen Chaos ist die Position der Kurden, die zu einem  Faktor der Stabilität  geworden sind.  Kurdische Peschmerga schützen die nordirakische Stadt Kirkuk, seit die irakische Armee verschwunden ist.  Der Regierung Maliki in Bagdad fällt  außer der Mobilisierung eines schiitischen Volkssturms wenig ein.    Die USA überlegen Luftangriffe und könnten Drohnen einsetzen. Eine solche Strategie macht keinen Sinn ohne Syrien einzubeziehen. Es wäre ein grotesker Seitenwechsel: vor einem Jahr standen die USA knapp vor einem Luftkrieg gegen Assad.  Jetzt planen sie Angriffe auf die Todfeinde des syrischen Diktators.

Sehr rasch könnte die Türkei gefordert sein, die sich allerdings schon mit ihrer Unterstützung der  syrischen Rebellen verkalkuliert hat. Der Iran will die  bedrohten heiligen Stätten der Schiiten im Irak schützen. Die sunnitische Schutzmacht Saudi Arabien würde kaum untätig bleiben. Der Zerfall des Irak kann  zu einem Krieg  führen, in dem sich  der Kampf der Staaten um die Vorherrschaft in der Region  mit religiösem Fanatismus und dem Aufschwung terroristischer Milizen mischt.