Ein ungewöhnlicher Wahlgang steht diesen Samstag Taiwan bevor. Die chinesische Insel, die nur von wenigen Ländern als eigener Staat anerkannt wird, entscheidet, ob eine ausgeprägt China-kritische Politikerin das Land in Zukunft führen soll. China sieht den Inselstaat als abtrünnige Provinz an, mit der es einmal eine Wiedervereinigung geben muss. Jede Abkehr von diesem Weg gilt in Peking als Provokation. Aber genau das befürwortet die Partei der in den Meinungsumfragen führenden oppositionellen Präsidentschaftskandidatin in Taiwan.
In den letzten Jahren haben sich die Beziehungen zwischen Peking und Taiwan massiv verbessert. In der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh ist das deutlich zu spüren.
Noch bis vor Kurzem war es chinesischen Staatsbürgern verboten nach Taiwan zu reisen. Jetzt verbinden dutzende Direktflüge Peking täglich mit der taiwanesischen Hauptstadt.
Am Memorial für den antikommunistischen Staatsgründer Tschiang Kai Shek in Taipeh fahren in Minutentakt Busse mit Touristen vom Festland vor.
Die Besucher aus China fühlen sich zu Hause, obwohl hier alles ganz anders läuft als auf dem Festland.
Taiwan gehört doch zu China, meint diese Angestellte, das ist chinesisches Territorium.
Zum gegenwärtigen Präsidentschaftswahlkampf in Taiwan, hat ein Student aus Szenzhen auf der anderen Seite, eine klare Meinung:
Als unabhängiger Staat kann Taiwan sicher nicht angesehen werden, die Insel ist eng mit China verbunden. Wer hier Präsident wird ist nicht so wichtig, denn an den Fäden zu China kann niemand etwas ändern, meint der chinesische Student Chao Minsui.
Tatsächlich habe finanzstarke Unternehmen aus Taiwan Milliarden in China investiert. Erstmals traf Chinas KPChef Xi Jinping letzten Herbst mit dem taiwanesischen Präsidenten zusammen. Die Versöhnung schien unumkehrbar.
Aber zur Überraschung vieler kommt die Umarmung durch den übermächtigen Nachbarn in Taiwan gar nicht gut an. Vor allem die jungen Leute stört der Einfluss Chinas, sagt Ketty Chen, die Sprecherin der oppositionellen Demokratischen Fortschrittspartei.

Zum Beispiel international reisen ist schwierig, weil Taiwan wegen chinesischen Drucks nicht überall akzeptiert wird. Die jungen Leute wollen Pressefreiheit und freie Wahlen, wie in Taiwan, und sie wollen dass ihre Identität als Taiwanesen akzeptiert wird.
Die wachsende Antichinastimmung in Taiwan könnte am nächsten Samstag zu einem spektakulären Machtwechsel in Taipeh führen. Der Kandidat der konservativen Kuomintang, die das Land lange Zeit nahezu ununterbrochen regierte, liegt in den Meinungsumfragen weit abgeschlagen. Favoritin ist die Kandidatin der chinaskeptischen Opposition.
Im Parteiprogramm verlangt die oppositionelle Demokratische Fortschrittspartei die staatliche Unabhängigkeit Taiwans. Ein rotes Tuch für Peking, das die Insel als abtrünnige Provinz betrachtet.
Im Wahlkampf beruhigt Präsidentschaftskandidatin Tsai Ing Wen, dass sie keine Provokationen plant. Aber vom Goodwill Pekings darf Taiwan einfach nicht abhängen, so die große Favoritin.
Kuomintang-Kandidat Eric Chu dagegen warnt vor einer Verschlechterung der Beziehungen zum Festland,
sollte die Anti-Peking- Regionalpartei die Führung übernehmen.
Die Entspannung zwischen der Volksrepublik China und Taiwan basiert auf einem diplomatischen Kompromiss: beide Seiten sagen, es gibt nur ein China, lassen aber offen, was genau darunter zu verstehen ist. Die Wiedervereinigung, ist in eine unbestimmte Zukunft verschoben. Aber Peking behält sich nach wie vor das Recht vor, die Insel wenn nötig auch mit Waffengewalt zurückzuholen.
Studentendemonstrationen gegen die Annäherung an China führten vor zwei Jahren zu heftigen Turbulenzen. Sogar das Parlament in Taipeh wurde zeitweise besetzt.
Vom Festland wollen wir uns einfach nichts vorschreiben lassen, sagt heute die Studentenaktivistin Huang Yen-Ju.
Zur Enttäuschung mit Peking tragen auch die neuen wirtschaftlichen Schwierigkeiten bei. Der Lebensstandard ist in Taiwan zwar ungleich höher als in China, aber die Wirtschaft stagniert Von den Milliardeninvestitionen auf dem Festland haben die Bürger in Taiwan nur wenig gespürt.
Wenn nach einem heftigen Wahlkampf am nächsten Samstag tatsächlich die Befürworter einer weiteren Annäherung an China verlieren, hätte das auch geopolitische Folgen. Würde Taiwan im asiatischen Kräftespiel wie Japan versuchen, den Aufstieg Chinas zur Weltmacht zu bremsen, wäre das ein schwerer Rückschlag für die Führung in Peking.