China: Verbalattacken gegen Dalai Lama

 

Für Chinas Führung ist die Tibetfrage eines der heikelsten Themen überhaupt. Als der Dalai Lama, das im Exil lebende geistige Oberhaupt der Tibeter, letzten Monaten gemeinsam mit US-Präsident Obama an einer Gebetsstunde in Washington teilgenommen hat, hagelte es Proteste aus Peking. Die offiziellen Vertreter Tibets sind auch beim gegenwärtig tagenden Volkskongress in Peking zugegen. Dort gab es von offizieller Seite heftige Kritik am Dalai Lama, weil er angeblich die religiösen Traditionen seines Volkes verletzt.

Morgenjournal, 10.3.2015

Vier Tage nach der Eröffnung des jährlichen Volkskongresses ist das Stadtzentrum von Peking nach wie vor weiträumig zerniert. Schon Kilometer vor dem Tienanmenplatz, wo die Große Halle des Volkes steht, sind Soldaten und Polizei an jeder Kreuzung und auf jeder Brücke zu sehen.
Im dritten Stock des riesigen Gebäudes drängen sich viele Journalisten zum Pressegespräch der Delegation aus Tibet. Tibetische Motive schmücken die Wände. Viele Delegierte tragen tibetische Tracht, auch buddhistische Mönche sind darunter.

Regionalchef Padma Choling berichtet ausführlich von wirtschaftlichen Fortschritten dank der Unterstützung durch die Zentralregierung.
Aber die Fragen der ausländischen Journalisten drehen sich um das Verhältnis Chinas zum Dalai Lama, der von vielen Tibetern unverändert verehrt wird.

Ob das offizielle China es als diplomatischen Erfolg ansieht, wenn der von Peking als Feind betrachtete Dalai Lama einmal international nicht eingeladen wird, lautet eine Frage? Da müssen sie schon jene fragen, die den Dalai Lama nicht mehr sehen wollen, so der tibetische Regionalchef Padma Choling.

Dann kommt die Breitseite des offiziellen Vertreters: der Dalai Lama entweiht die Religion und den tibetischen Buddhismus, weil er die eigene Inkarnation in Frage stellt. Wenn ER meint, es wird keine Reinkarnation geben, heißt das, es gibt wirklich keine? Unmöglich, niemand wird im tibetischen Buddhismus damit einverstanden sein, so der Parteifunktionär Padma Choling, der selbst aus Tibet kommt.

Der tibetische Buddhismus lehrt, dass die Seele eines religiösen Führers im Moment seines Todes im Körper eines Kindes wiedergeboren wird. Aber die Entscheidung, bei wem die Inkarnation passiert, treffen die Verantwortlichen der tibetischen Klöster gemeinsam mit der Regierung.
Die Exilgemeinde der Tibeter fürchtet, dass die Regierung in Peking den inkarnierten Dalai Lama aufziehen und manipulieren wird. Die Tibeter hätten nach dem Tod des jetzigen Dalai Lama keine nationalistische Symbolfigur mehr.

Der Dalai Lama selbst will vorbeugen und sagt, von ihm werde es eben keine Reinkarnation geben, solange Tibet nicht frei ist. Einem zukünftigen von Peking kontrollierten Nachfolger spricht er schon im Voraus die Legitimität ab.

Für Peking wäre es auf jeden Fall höchst unangenehm, wenn der jetzige Dalai Lama noch nach seinem Ableben einen parteitreuen Nachfolger blockieren kann. Paradoxerweise besteht das offizielle China daher auf einer Wiedergeburt des Dalai Lama, an die der Betroffene selbst nicht mehr so recht glaubt.