Die Vorbereitung dieser Reise nimmt mehrere Monate in Anspruch. Im Herbst 2016 führe ich das erste Gespräch mit zwei Diplomaten der nordkoreanischen Botschaft im Café Landtmann. Ich lerne, dass ein nordkoreanisches Treffen immer bedeutet, dass man zwei Gegenüber hat. Ein System der internen Kontrolle, das individuelle Ausritte verhindern soll. Es gibt grundsätzlich grünes Licht für einen Besuch des ORF im isoliertesten Land der Welt. Aber der Weg dorthin ist noch weit.

Ich schicke eine Liste von Orten, die ich besuchen möchte. Eine Kaserne ist darunter, auf einem privaten Markt will ich erleben, wie die zaghaften Wirtschaftsreformen unter Kim Jong un aussehen. Auch der in ganz Asien bekannten nordkoreanischen Girlsband Moranbong hätte ich gerne bei Proben zugesehen.

Zweimal bin ich in den nächsten Monaten in die nordkoreanische Botschaft in Wien geladen. Es ist die größte Botschaft Nordkoreas in Europa. Botschafter Kim Kwang sop ist seit vielen Jahren in verschiedenen Staaten Europas im Einsatz. Wir erinnern uns, dass einst Bruno Kreisky Staatsgründer Kim Il sung besucht hat und von den Leistungen Nordkoreas beeindruckt zurückgekommen ist. Das war vor der Demokratisierung und dem Aufschwung Südkoreas. Der kapitalistische Süden hat den stalinistischen Norden seit langem abgehängt.

Der Botschafter verweist auf die schlechten Erfahrungen, die sein Land mit westlichen Reportern gemacht hat. Propaganda werde von mir nicht erwartet. Aber die ausschließlich negative Sicht auf Nordkorea im Westen sei einseitig. Ich sichere zu, dass ich berichten werde, was ich erlebe.

Ein Zwischenfall in Wien gefährdet dann beinahe die Nordkoreareise. Ende Februar hat ORF 2 die Hollywoodkomödie „Das Interview“ im Programm, bei der es um die Ermordung Kim Jong uns durch zwei von der CIA angeheuerte Schauspieler geht. Pjöngjang hat bei der Vorstellung des Films wütend reagiert. Die Produktionsfirma Sony wurde durch Cyberattacken lahmgelegt, die laut CIA in Pjöngjang ihren Ursprung hatten. Die Botschaft in Wien verlangt, dass der ORF den Film absetzt. Der Botschafter besucht Generaldirektor Alexander Wrabetz, der Erste Botschaftssekretär spricht bei Fernsehdirektorin Kathrin Zechner vor. Wenn der ORF „Das Interview“ nicht absetze, werde meine Reise abgesagt, so die Drohung. „Das Interview“ läuft wie geplant.

Drei Tage vor dem Abreisetermin kommt das entscheidende Mail: Die Visa sind abholbereit. Das kleine ORF Peking Team mit dem Producer Alessandro Detoni, dem Kameramann Lionel Brugeaud und mir besteigt Flug JS152 der Air Koryo von Peking nach Pjöngjang. Die Fluglinie fliegt mit einer russischen Tupolew An 148 100. Die nordkoreanische Airline hat nur in China und Russland Landerechte, sie erfüllt nicht alle internationalen Sicherheitsvorschriften. Im Duty free Laden des T2 Flughafens in Peking sorgen nordkoreanische Offizielle, die an ihrem Anstecker mit Kim Il sung und Kim Jong il, den beiden Vorfahren des gegenwärtigen Herrschers, an den dunkelblauen Anzügen leicht erkennbar sind, mit dem Großeinkauf von französischem Cognac und chinesischen Zigaretten einen Stau. Wir begnügen uns mit einigen wenigen Einkäufen. Völlig unnötig, wie sich später herausstellt.

Im Devisenladen des Potonggang Hotels, in dem wir in Pjöngjang untergebracht sind, gibt es für US Dollar, Euro oder chinesische RMB erlesene französische Weine und Alkoholika jeder Art. Auf dem zweistündigen Flug sehen wir eine ausladende Show der schmissigen Musikerinnen von Moranbong, die immer wieder den strahlenden jungen Führer Kim Jong un im Gegenwind zeigt. An Bord sind deutsche Mitarbeiter einer NGO. Ein Reisender sagt, er war schon elf Mal in Nordkorea, es ist alles so wie damals in der DDR, nur eben zur zehnten Potenz. Das Handy habe ich zu Hause gelassen. Der Laptop ist von den meisten Daten gesäubert. Die Musik von Moranbong wird immer stärker. Eine Rakete steigt auf, rhythmisches Klatschen am Bildschirm. Wir landen in Pjöngjang.

Die Zollkontrolle wird streng, haben uns die Betreuer per E Mail gewarnt. Tatsächlich werden alle elektronischen Geräte gestartet. Die Beamten sind freundlich. Im Eilzugstempo werden die Bilderdateien der Handys und des Laptops durchsucht. Der nordkoreanische Betreuer muss garantieren, dass nichts Verbotenes geplant ist. Ohne Betreuer kommt niemand ins Land. Als Delegation und nicht mehr als Fernsehteam betreten wir den Flughafen in Pjöngjang. Die Empfangshalle ist modern und sehr leer. Ganze drei Ankünfte zeigt die Anzeigetafel für den ganzen Tag an, aus China und aus dem russischen Wladiwostok. Kein anderer Staat hat so wenig Kontakt zur Außenwelt wie Nordkorea.

Die Betreuer, die uns abholen, werden uns in den nächsten sieben Tagen begleiten. Wir diskutieren viel und haben meist grundverschiedene Ansichten. Aber es entsteht so etwas wie Respekt. Wir erfahren, was wir filmen dürfen und was nicht. Der Einfachheit halber sind sie im gleichen Hotel wie wir einquartiert. Sie schauen dem Kameramann über die Schulter, wenn er filmt. Sie haben ein wachsames Auge darauf, wenn ich das I Phone zücke. Bei der Aufzeichnung für ein „ZiB 2“ Gespräch mit Armin Wolf rund um Mitternacht organisiert der Betreuer ein Taxi und fährt mit. Sein Handy nimmt auf, was ich sage.

Das Potonggang Hotel begrüßt uns mit riesigen Bildern der verstorbenen Führer Kim Ilsung und Kim Jong il. Nordkoreanische und ausländische Gäste nehmen streng getrennt ihre Mahlzeiten ein. Sim Karten für mitgebrachte Handys kann man mieten, aber Anrufe ins Ausland sind nicht möglich. Wir verzichten dankend. Auslandstelefonate von unseren Zimmern sind zwar teuer, aber sie sind möglich. Modems für das Internet kosten fünf US Dollar für 30 Minuten Betrieb. Die Verbindung bricht immer wieder ab, aber mit Geduld schaffen wir es, in den folgenden Tagen mehrere Fernsehbeiträge nach Wien zu überspielen. Das nordkoreanische TV Programm beginnt um 15 Uhr zu senden und schließt vor Mitternacht. Dafür empfangen wir in unseren Zimmern Russia Today, mehrere chinesische CCTV Kanäle, Al Jazeera und die Deutsche Welle.

Ausländer in den Straßen Nordkoreas sind exotische Erscheinungen. Wer noch dazu filmt, wie wir, kann für einen Spion gehalten werden, mit unangenehmen Folgen, sagt man uns. Vor kurzem sei das einem britischen Korrespondenten passiert, der schließlich des Landes verwiesen wurde. Auf der Internetseite der deutschen Botschaft in Pjöngjang wird von tätlichen Angriffen auf Ausländer berichtet. Unsicher habe ich mich nie gefühlt, aber ich war auch nie ohne Begleitung unterwegs. Die Menschen treten einem Westler neugierig, aber freundlich gegenüber. In der U Bahn, in der wir von einer Station zur nächsten fahren, springen mehrere Passagiere auf und bestehen darauf, dass wir uns setzen.

Auf dem Programm steht ein Besuch des Tong Il Marktes, der als größter privater Markt der Stadt gilt. In der Sowjetunion waren die privaten Kolchosmärkte auch in Zeiten reich bestückt, in denen staatliche Geschäfte leer waren. Auf dem Tong Il Markt in Pjöngjang gibt es tatsächlich alles, was das Herz begehrt. Dicht gedrängt stehen die Verkäuferinnen an 1700 Ständen. Die Farbe der Uniform zeigt an, welche Art von Waren angeboten wird. Bei den blau gekleideten Frauen finden wir Lebensmittel und Gemüse, pinke Uniformen stehen für Kleider und Baumaterial. Es gibt Zubehör für Handys, Schläuche und getrockneten Fisch. 17 solche Märkte gibt es in Pjöngjang, zum Teil seit mehreren Jahren. Offiziell heißt es, alle Waren, die hier angeboten werden, seien von den Familien selbst produziert worden. Das Angebot ist vielfältig und umfangreich. Einige Importe aus China sind dabei. Es muss in Nordkorea aber auch ein Netz privater Produzenten geben, die diese Märkte beliefern. Falls die Führung einmal Marktwirtschaft zulässt, wie in China unter Deng Xiaoping, werden die privaten Produzenten von heute die Millionäre der Zukunft sein. Filmen und fotografieren ist auf den privaten Märkten Nordkoreas streng verboten. Zu unserem Leidwesen schaffen es auch unsere Betreuer nicht, das Verbot zu lockern. Ich bin nicht stolz darauf, dass es unseren Markt überhaupt gibt, erklärt die resolute Marktleiterin. Schließlich gehe es hier um Profit und nicht um das Wohl des Volkes.

Gerne gezeigt werden uns in Pjöngjang menschenleere Denkmäler und Paradeunternehmen, wo immer eine Führerin auf uns wartet, die uns auseinandersetzt, wie gut alles funktioniert im Land.

Beim Verlassen der Stadtgrenze präsentieren unsere Betreuer dem militärischen Checkpoint unseren Passierschein. Auf der Landstraße außerhalb von Pjöngjang sehen wir plötzlich hunderte Menschen, die mit Hacke und Schaufel Schlaglöcher ausfüllen, um die Fahrbahn zu reparieren. Sie werden in Bussen hingebracht, Lastwägen schütten Sand und Steine auf. Ob das Bürger sind, die der Staat zum Straßenbau abkommandiert, will ich wissen? Mein Betreuer meint, das sind normale Bauarbeiter. So sehen sie aber ganz und gar nicht aus. Unser Wagen, das einzige Auto weit und breit, muss zwischen den auf der Fahrbahn hockenden arbeitenden Menschen richtiggehend Slalom fahren. Aber stehen bleiben dürfen wir nicht, das ist eine Autobahn. Fast kommt es zu einem Streit, wer jetzt bestimmt, was passiert. Schließlich akzeptieren wir, dass wir zumindest aus dem Auto filmen dürfen.

Eine Autostunde vom Stadtzentrum entfernt liegt die landwirtschaftliche Kooperative Chongsanri. Wir haben sie auf Empfehlung des Wiener Nordkoreaexperten Rüdiger Frank auf die Wunschliste gesetzt. Kim Il sung, der Staatsgründer, war 85 mal hier, Kim Jong il 25 mal, es ist ein Vorzeigebetrieb, den auch Ausländer sehen dürfen. Je 100 Landarbeiter sind zu Divisionen zusammengefasst, so bezeichnet der Übersetzer die Arbeitseinheiten. Nach einem zentralen Plan sind sie im Einsatz. 1000 Personen leben auf der Farm und bauen Reis, Gemüse, Mais und Kartoffeln an. Genverändertes Saatgut ist in Nordkorea nicht erlaubt. 30 Quadratmeter rund um ihr Wohnhaus können die Familien selbst bebauen. Vor drei Jahren gab es eine Reform. Die Divisionen können alles, was sie über das Plansoll hinaus produzieren, auf privaten Märkten selbst verkaufen. Die neue Regel hat die Versorgungslage deutlich verbessert, obwohl laut UNO nach wie vor Millionen Nordkoreaner an Mangelernährung leiden.

Auf dem Hauptplatz von Chongsanri übertragen die Lautsprecher das Radioprogramm. Ein Sprecher erläutert die aggressiven Pläne der Amerikaner. Ob die Reformen dazu führen, dass es jetzt reiche und arme Bauern gibt, will ich von der Stellvertretenden Leiterin der Kooperative Ri Song Ok wissen? Sie verneint entschieden. Die junge Frau hat ihr ganzes Leben auf der Staatsfarm verbracht. An die Zeit der Hungersnot, die sie „Zeit des schwierigen Marsches“ nennt, als um die Jahrtausendwende Hunderttausende gestorben sind, kann sie sich gut erinnern. Aber Opfer gab es in Chongsanri damals keine. Ri Song Ok hofft, dass ihre Tochter einmal an der Universität in Pjöngjang studiert, um das erworbene Wissen in die Kooperative zurückzubringen. Die Tochter ist zwölf Jahre alt. Jetzt kommt das schwierige Alter, sage ich, Teenager rebellieren gerne. Erstauntes Schweigen. Ja, stoße ich nach, meine Tochter hat sich sogar Ratten angeschafft, um ihre Eltern zu schockieren. Fassungslose Gesichter. Staunen. Keiner hat von der westlichen Besonderheit aufmüpfiger Teenager je etwas gehört.

Bei der Rückfahrt von der Farm nach Pjöngjang dürfen wir endlich Feldarbeit filmen. Die Landarbeiter hocken auf den Äckern und bearbeiten die Erde mit Hacken und Schaufeln. Daneben Ochsen, die den Pflug ziehen. Manchmal fährt ein altertümlicher Traktor durch. Den bewaffneten Uniformierten am Hügel dürfen wir nicht fotografieren.

Das Verbot, Soldaten zu filmen, ist nicht leicht zu befolgen, denn die Straßen sind voller Uniformierter. Der reguläre Militärdienst dauert fünf Jahre. Soldaten klopfen Steine beim Straßenbau und bauen neue Häuser. Sie sorgen deutlich sichtbar für Ordnung im Fußballstadion und bewachen Arbeitseinsätze in den Feldern. Ausdrücklich verboten ist es auch, Eisenbahnlinien zu filmen, es handelt sich um strategisch relevante Einrichtungen. In der U Bahn darf der Tunnel nicht aufs Bild, weil die U Bahn Schächte im Kriegsfall als Luftschutzkeller fungieren sollen. Die goldenen Riesenstatuen von Kim Il sung und Kim Jong il, die die Skyline von Pjöngjang dominieren, dürfen wir nur in der Totale fotografieren. Detailaufnahmen von Händen oder Gesichtern sind nicht erlaubt.

Ein kurioses Fotografierverbot erleben wir in einem Schwimmzentrum in Pjöngjang. Die Führerin, die uns die moderne Monsu Badeanlage zeigt, klärt uns noch vor Betreten des Gebäudes auf: Die Statue Kim Jong ils gleich nach der Eingangstür darf nicht aufgenommen werden. Unsere erstaunte Frage nach dem Warum löst mitleidiges Lächeln aus: Regel ist eben Regel, heißt es. Wahrscheinlich ist Fotografieren schädlich für das Material, bemüht sich sichtlich peinlich berührt einer der Tour Guides. Ich frage nicht nach, verstehe aber beim ersten Blick auf den Führer die Sorge: Kim Jongil steht in Lebensgröße am Sandstrand, sichtlich entspannt und neben den für das Strandleben typischen Sonnenschirmen. In seiner Regentschaft sind Hunderttausende verhungert. Der Gedanke, das Volk leidet, während es sich der Führer gutgehen lässt, ist offensichtlich so naheliegend, dass Kim Jong il am Strand nicht fotografiert werden darf.

Von der Spitze des Juche Turms, der im Stadtzentrum zu Ehren der Selbstversorgerideologie des Staatsgründers errichtet wurde, hat man einen perfekten Blick über die Stadt. Wie in vielen Städten Ostasiens gibt es so gut wie keine alten Gebäude. Die Stadt sei von den Amerikanern im Koreakrieg zerstört worden, sagt die Führerin. Nordkorea ist das radikalste Gegenmodell zur Globalisierung. Nicht internationale Kontakte und Verbindungen brächten das Land weiter, lehrte Kim Il sung, sondern möglichst totale Autarkie. Im Buchgeschäft des Juche Turms, wo man Bücher zu dem Thema erwerben kann, ist es mir aber, in krassem Widerspruch zur Theorie, nur möglich, mit amerikanischen Dollar oder chinesischen Yuan zahlen. Ich lehne dankend ab.

Beim Eingang finden sich Plaketten mit Bewunderern aus allen Teilen der Welt. Eine „Gruppe zum Studium der Dschutsche Idee des Genossen Kim Il sung aus Wien“ hat sich am 18. Dezember 1978 verewigt. Eine andere am 8. Februar 1980. Es ist noch gar nicht so lange her, da fühlten sich linke Intellektuelle von der Ideologie eines totalitären Egalitarismus, kombiniert mit Autarkie, angezogen. Kim Il sung war in der linken Studentenbewegung der 1970er Jahre in Wien ein Begriff. Die nordkoreanische Botschaft schickte Broschüren. Populärer war der Schnaps mit eingelegter Ginsengwurzel, dem potenzfördernde Wunder zugeschrieben werden.

Die Schriftstellerin Luise Rinser und der ostdeutsche Ex Dissident Rudolf Bahro waren von Nordkorea begeistert. Tatsächlich fiel der Vergleich zwischen den beiden Koreas lange Zeit für den Norden gar nicht so schlecht aus. In Seoul regierten Diktatoren und das Militär. Die kommunistische Kommandowirtschaft hatte nach der Befreiung von den japanischen Kolonisatoren den Norden industrialisiert, während Südkorea unterentwickelt und arm blieb. In den 1980er Jahren änderte sich das radikal. Der Süden demokratisierte sich und schaffte den wirtschaftlichen Anschluss an die entwickelte Welt. In Nordkorea wütete während des Aufbruchs im Süden eine verheerende Hungersnot.

In der westlichen Berichterstattung wird Nordkorea oft als kommunistische Dynastie der Kims bezeichnet. Familiendiktatur stimmt zweifelsohne. Marx oder Lenin wird man aber vergeblich suchen. Bei jedem öffentlichen Gebäude und an jedem zweiten Platz finden sich die Denkmäler Kim Il sungs und seines Sohnes Kim Jong il, Großvater und Vater des aktuellen Herrschers Kim Jong un. Auch ausländische Besucher sind angehalten, sich vor den Symbolen der Staatsmacht zu verneigen. Praktischerweise haben die Betreuer immer Blumen bei der Hand, wenn den toten Diktatoren ein Strauß vor die Füße gelegt werden muss. Auf dem Paradeplatz, wo Kim Jong un am Geburtstag des Großvaters Panzer und Raketen auffahren lässt, sehen wir, wie die Menschen die Straße mit Reibfetzen und Kübel waschen.

Titel sind wichtig in Nordkorea. Kim Ilsung wird als ewiger Präsident tituliert. Kim Jong il, der zweite in der Herrscherabfolge, ist je nach Stimmung geliebter oder hochverehrter Vorsitzender. Kim Jong un, der heute regiert, kümmert sich offensichtlich um alles. Die Verkaufsleiterin des Potonggang Supermarktes erzählt enthusiastisch, wie der brillante Führer angeschafft hat, die Lebensmittelabteilung vom ersten Stock ins Parterre zu verlegen. Eine geniale Idee, die Kunden sind begeistert.

Das moderne Monsu Schwimmzentrum in Pjöngjang hat er ebenfalls besucht und verlangt, ein Volleyballfeld zu errichten, der ganze Stolz des Etablissements. Ein Grundschüler, den wir im Technikzentrum fragen, was er tut, springt auf und spult einen Spruch über den Führer Kim Jong un ab, der es ihm ermöglicht, einen Computer zu benützen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Autarkie ist das nationalistische Ziel einer radikalen Antiglobalisierungsideologie. Die Machtstrukturen sind völlig dem von Kim Il sung begründeten Familienclan untergeordnet. Der in Südkorea lehrende Politikwissenschaftler Andrej Lankow, einer der besten Kenner Nordkoreas, sagt, 100 Familien herrschen über das Land. Sie leben nicht wie Ölscheichs, aber sie haben ein Auto und eine Wohnung. Es gibt Stromausfälle und manchmal bleibt das Fließwasser aus. Sie habe Computer ohne Zugang zum Internet. Aber sie können so viel Fleisch essen, wie sie wollen, sagt Lankow. Die Hälfte der Nordkoreaner kann sich Fleisch oder Fisch einmal im Monat leisten. Beim ärmeren Viertel kommen Fisch oder Fleisch nur einmal im Jahr auf den Tisch.

Bereitwillig zeigt man uns die Privilegien der Elite. In meinem Ansuchen hatte ich den Besuch einer Universität sowie Gespräche mit Studenten und Professoren angeführt. Dazu wird es nicht kommen. Auf dem Programm steht „Visit living appartement of university student“. In Wirklichkeit besuchen wir die Dienstwohnung eines Professors der Kimchak Technologie Universität, die zivile und militärische Forschung betreibt. Der Professor ist aber gar nicht zu Hause. Der Pressebetreuer führt uns durch eine Wohnung von sage und schreibe 210 Quadratmetern. Vom Herd, der alle Stücke spielt, bis zu den Arbeitszimmern für alle Familienmitglieder, einem Klavier und der gut gefüllten Bar ist schlicht alles vorhanden. Im Fernsehen läuft ein Video mit Kim Jong un. An den Wänden: Fotos von Kim Jong un.

Die Frau und die Tochter des Professors erwarten uns. Die Wohnung wirkt bewohnt. Vielleicht lebt hier wirklich eine Professorenfamilie, aber möglicherweise ist auch alles gestellt. Bei keinem anderen Besuchstermin sind wir uns so unsicher.

Die Forscher haben Zugang zu einem nordkoreanischen Intranet, das innerhalb der Grenzen des Landes funktioniert. Die Intranetverbindung zwischen den Forschungsstellen und die Handys für die Bürger sind die größten Veränderungen der letzten Jahre.

Die Diskrepanz zwischen historischer Wirklichkeit und der herrschenden Ideologie macht in Nordkorea jede Abweichung von der offiziellen Weltsicht zur Gefahr für den Staat. Die Realitätsverweigerung ist beim Siegesmuseum in Pjöngjang besonders deutlich. Riesige Kriegerdenkmäler säumen den Eingang. Vor dem Platz ankert die Pueblo, ein amerikanisches Spionageschiff, das von den Nordkoreanern 1968 aufgebracht wurde. Ich nerve unsere Führerin mit der Frage, warum denn der Koreakrieg 1953 mit einem Sieg für den Norden geendet haben soll? Zuerst haben die Nordkoreaner fast ganz Südkorea überrannt. Dann eroberten die Amerikaner ganz Korea, wurden jedoch von Maos Soldaten zurückgeschlagen. Nach vier Millionen Toten blieb der 38. Breitengrad die Trennlinie, so wie das Jahre zuvor in Jalta festgelegt worden war. Heißt das nicht, dass keine Seite gesiegt hat? Warum also ein Siegesmuseum? Entsetztes Kopfschütteln. Wir haben die Weltherrschaft der Amerikaner verhindert, erklärt man mir.

Am Abend funktioniert das Internet. Ich kann meine historischen Kenntnisse auffrischen. Kim Il sung war als antijapanischer Guerillaführer 1945 mit den siegreichen sowjetischen Truppen aus dem Exil nach Nordkorea gekommen. Für die Invasion des Südens 1950 hatte er persönlich grünes Licht bei Stalin eingeholt. Das belegen die Archive in Moskau. Rückblickend erscheint der Koreakrieg wie der Vorläufer des Vietnamkrieges. Dass Nordkorea in den Teufelskreis von Isolation und Totalitarismus geraten ist, ist eine düstere Folge des langen Patts im Kalten Krieg.

Der Hass auf die Amerikaner ist Staatsideologie. Vier Stunden von Pjöngjang entfernt liegt das Museum amerikanischer Kriegsverbrechen in Sinchon. Nie sonst fahren wir durch so viele ärmliche Dörfer. Am Straßenrand marschieren Dutzende Menschen hinter einer roten Fahne. Sie gehen zur Feldarbeit.

Der Busparkplatz vor dem antiamerikanischen Museum ist voll. Aus dem ganzen Land werden Delegationen hergebracht. Vor zwei Jahren hat Kim Jong un selbst die Gedenkstätte besucht. Die Führerin zeigt uns zwei nachgebaute Lagerhallen. Die Amerikaner hätten 1950 an diesem Ort 400 Mütter und 102 Kinder in Hallen gesperrt, mit Benzin überschüttet und bei lebendigem Leib verbrannt. Soldaten, Schüler, Männer und Frauen gehen schweigend durch die Ausstellungsräume. Aus den Lautsprechern kommen die Anklagen gegen Amerika.

Fotos und Dokumente berichten von grauenhaften Verbrechen der Amerikaner. Es ist eine Horrorreise mit sich in ihrer bestialischen Grausamkeit ständig steigernden Details. Da vergewaltigen amerikanische Soldaten hunderte Koreanerinnen und ertränken die Opfer in einem Fluss.

Einer jungen Frau am Marterpfahl schneiden zwei Soldaten die Brüste ab. Einer anderen Gefangenen stemmen sie bei lebendem Leib den Schädel auf, um die Ideen Kim Il sungs zu zerstören. Ein kommunistischer Schuldirektor wird zwischenzwei Ochsenkarren gespannt, die ihn in der Mitte zerreißen.

Die Amerikaner sind keine Menschen, sie sind Tiere, wiederholt die Museumsführerin immer wieder. Ob sie glaubt, dassdas auch heute noch gilt? Selbstverständlich, antwortet sie, sonst würden sie Nordkorea nicht bedrohen. Nach der Museumstour werden alle Besucher in das „Atriumdes Racheschwures“ gebracht. Es gibt martialische Reden gegen Amerika.

Kriegsverbrechen hat es während des Koreakrieges in großer Zahl von beiden Seitengegeben. Napalm und Flächenbombardements der US Airforce forderten viele Opfer. Aber dafür, dass US Soldaten das Massaker in Sinchon verursacht haben, gibt eskeine Beweise. 1987 recherchierte der linke US Historiker Bruce Cummings vor Ort und fand die nordkoreanischen Angaben nicht überzeugend. Einige Autoren sehen rechtsradikale koreanische Milizen alsmögliche Täter.

An der Waffenstillstandslinie in Panmunjeomhalten nordkoreanische und südkoreanische Soldaten nur wenige Meter voneinander entfernt Wache. In beiden Koreas istder Ort, an dem 1953 der Waffenstillstandunterzeichnet wurde, ein Touristenziel. Ein Offizier hält uns Vorträge, wie durchtrieben, hinterhältig und böse die Amerikaner sind. Er will auch einiges wissen. Etwa, was ichvom letzten Raketentest halte? Wie sich Nordkorea, von anderen Ländern, aus denen ich berichtete, unterscheidet?

Bei meiner Anfrage zu einem Interviewmit einem Regierungsvertreter habe ich die Menschenrechtsverletzungen angeführt, diedie UNO Nordkorea vorwirft. Neben der Innenpolitik interessiert mich die außenpolitische Einschätzung: Unter welchen Bedingungen würde die Regierung von ihrer Verteidigungsdoktrin abgehen, dass Pjöngjang zu einem atomaren Erstschlag bereitsei, sollten die Spannungen eskalieren? Ein Vertreter des Außenministeriums stellt sichdem Interview.

Ju Wang Hwan ist Senior Researcherim Institut für Frieden und Abrüstung des Außenministeriums. Er antwortet geduldig auf meine Fragen. Zum atomaren Präventivschlag werden die Streitkräfte ausholen, sollten die Amerikaner einen Enthauptungsschlag gegen die Führung beginnen, also versuchen, Kim Jong un zu ermorden, oder wenn versucht wird, die Raketenstellungen zu zerstören. Solange diese Gefahren bestehe, werde Nordkorea auf einen nuklearen Erstschlag nicht verzichten.

In der Stadt laufen die Vorbereitungen zur großen Parade am Geburtstag von Staatsgründer Kim Il sung. Unterhalb der Tribüne, auf der Kim Jong un erwartet wird, wäscht ein Putztrupp kniend jeden einzelnen Stein mit Reibfetzen und Kübel. Wenig später bringt uns die Air China wiedernach Peking. Einige Leute klatschen bei der Landung.

Löws Leseliste zu Nordkorea

Andrei Lankov: The Real North Korea: Life and Politics in the Failed Stalinist Utopia, 2015

Report of the Commission of Inquiry on Human Rights in the Democratic People’s Republic of Korea, Human Rights Council, United Nations, New York, 7. Februar 2014

Rüdiger Frank: Nordkorea. Innenansichten eines totalen Staates, 2014

Bruce Cumings: The Korean War, A History, 2011

Mao and the Sino-Soviet Partnership, 1945-1959: A New History, Zhihua Shen, Yafeng Xia, 2015

David Halberstam: The Coldest Winter, America and the Korean War, 2008

Alfred Pfabigan: Schlaflos in Pjöngjang: vom gescheiterten Versuch, einen skeptischen Europäer zu einem Mitglied der Großen Roten Familie zu