Der wirtschaftliche Aufstieg hat China zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Erde gemacht. Die meisten Milliardäre der Welt leben in Peking, und nicht in New York, besagt die Statistik. Aber nach wie vor wird die Volksrepublik China von einer Partei regiert, deren Grundlage der Marxismus-Leninismus ist, erweitert durch die Ideen des Staatsgründers Mao Tse tung. Der Widerspruch zwischen kommunistischer Ideologie und sehr kapitalistisch aussehender Realität gehört zu den Besonderheiten der chinesischen Entwicklung. Raimund Löw und Alessandro Detoni haben den Marxismus chinesischer Prägung untersucht. Zu den großen Herausforderungen für die Ideologen der KP Chinas gehört in diesem Monat der Rückblick auf die Kulturrevolution vor 50 Jahren, die trotz der riesigen Zerstörungen und vielen Toten auch heute noch Anhänger hat in China.

BEITRAG :

Mehrmals in der Woche kommt der 63-jährige Zhao Shunli auf den Hauptplatz seiner Heimatstadt Luoyang in der chinesischen Provinz Henan, um mit Gleichgesinnten revolutionäre Lieder aus der Maozeit zum Besten zu geben.

„Die 30 Jahre Reformpolitik waren total falsch. Die Reformen haben für unser Land nichts gebracht und unser Leben nicht verbessert.  Eine echte Entwicklung unserer Wirtschaft und unserer Industrie, von der alle etwas haben,  hat es nicht gegeben.“

Die boomenden Städte Chinas, mit ihren Hochhäusern, den Staus auf den Autobahnen und dem  Netz an Hochgeschwindigkeitszügen beweisen das Gegenteil.

Aber es gibt auch die Verlierer des Reformprozesses, die nicht mitgekommen sind mit den rasanten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Pensionisten im unterentwickelten Westen des Landes und Arbeitslose aus den ineffizienten Staatsbetrieben sind die Mao-Nostalgiker auf dem Hauptplatz der Stadt Luoyang.

Sehnsucht nach der Mao-Zeit gibt es auch unter einigen Intellektuellen. Han Deqiang, ein Professor der Beihang Universität in Peking, hat mit Gleichgesinnten eine maoistische Ökokommune südwestlich von Peking gegründet. Die Kommunarden auf der Farm des richtigen Weges lehnen das materialistische Leben im China von heute ab. Sie wollen zurück zu den alten Idealen, sagt Gründer Han Deqiang.

„Unter Mao sind die Preise 30 Jahre lang gleich geblieben. Die Einkommen waren klein, aber stabil und sicher. Jetzt wird alles teurer. Das heißt mit dem gleichen Geld kann man immer weniger kaufen. Unter Mao hat man sich überall sicher gefühlt. Das war ein Gefühl, das die ganze Gesellschaft zusammenhielt, Daher gibt es Leute, die sich nach dem Leben unter Mao Tsetung zurücksehnen.“

Die Idealisierung der alten Zeit, wie sie der maoistische Professor Han Deqiang präsentiert, steht für eine Minderheit in China.

Von Stabilität war China unter Mao Tsetung weit entfernt. Im Gegenteil. Die Kulturrevolution, die er vor 50 Jahren angestoßen hat, war nur die letzte Katastrophe, in die der Staatsgründer sein Land getrieben hat. 5 Jahre nach Maos Tod, hat die Partei den von ihm losgetretenen Aufstand der Jugend gegen das Establishment, in aller Form verworfen. Zum 50.Jahrestag wiederholt die offizielle Volkszeitung das Urteil. Verbunden mit der Warnung vor allen Versuchen, die Rolle der Partei in Frage zu stellen.

„Die Kulturrevolution ist vom Führer der Nation ausgegangen und von Reaktionären ausgenützt worden. Sie schuf Chaos im Inneren und war ein Desaster für die Partei, das Land und das Volk. Die Geschichte hat bewiesen, dass die Kulturrevolution in Theorie und Praxis total falsch war. (…) Nach 30 Jahren der Reformen und der Öffnung ist China eine starke Macht mit besseren Lebensbedingungen und einem ausgeweiteten Rechtssystem geworden. Im Sinn einer hellen Zukunft wird eine Wiederholung der Kulturrevolution niemals erlaubt werden.“

Aber echte Vergangenheitsbewältigung gibt es trotz des negativen Urteils der Partei keine. Der italienische Sinologe und Chinakenner Francesco Sisci sagt, die Verdrängung von Katastrophen ist nicht ungewöhnlich in China.

„In China ist es Tradition Leiden der Vergangenheit zu begraben. Unsere christliche Methode oder auch der Weg der Psychoanalyse besteht dagegen darin, über Fehler zu sprechen. Entweder in der Beichte oder in der Analyse. Viele Chinesen haben gesehen, wie Freunde und Verwandte umgebracht oder gefoltert wurden. In den 1980-er Jahren ist viel davon veröffentlicht worden. Aber jetzt will niemand mehr darüber reden. Schreckliche Erinnerungen begräbt man in China.“

Gleichzeitig widerspricht der Sinologe Francesco Sisci einer vereinfachenden Sicht auf die Tragödie vor 50 Jahren.

„Die Kulturrevolution kann man nicht schwarz-weiß sehen. Sie hat viele Nuancen. Sie ist der Ruf der Jugend nach Freiheit gegen eine erdrückende Funktionärsherrschaft. Sie bedeutet, dass die Partei gegen die Partei kämpft, die alte Generation steht gegen die neue Generation. Mao hat die jungen Leute manipuliert. Aber für die Propagandamaschinerie heute ist es schwer, daraus eine klare Botschaft zu zimmern.“

Viele der ehemaligen Rotgardisten sind tatsächlich in der Demokratiebewegung der 1980er-Jahre in China aktiv geworden. Ihre Hoffnungen wurden beim Massaker am Tienanmenplatz 1989 zerstört.

Eine andere Meinung als der italienische Sinologe vertritt der chinesische Historiker Zhang Lifan. Er fürchtet, dass sich im politischen Leben Chinas Willkür und Gewalt wieder breitmachen können, weil die Kulturrevolution nie richtig aufgearbeitet wurde.

„China ist vom Weg der Planwirtschaft abgegangen, aber den Stalinismus hat unser Land nie verlassen.  Die Kulturrevolution könnte unter bestimmten Umständen wieder auftauchen. Wahrscheinlich nicht mit gleicher Intensität wie unter Mao, aber der Schaden, der für unsere Kultur und die gesellschaftliche Moral angerichtet wurde, ist riesig.“

Der Historiker Zhang Lifan gehört zu den wenigen geduldeten liberalen Stimmen in China. Sein Vater, Zhang Naiqi, war unter Mao Ernährungsminister. Er fiel in Ungnade und wurde vom Revolutionsführer persönlich als Rechtsabweichler attackiert. Nur die persönliche Beziehung zum damaligen Premierminister Tschu Enlai rettete dem Vater das Leben.

„Ich war damals Mittelschüler. Da war ich dabei bei den Kritiksessionen gegen Lehrer und die Schulleitung dabei. Die Rotgardisten waren am Ruder. Aber bald bin ich wegen meines schlechten Familienhintergrundes ein Außenseiter geworden. Ich habe persönlich erlebt, wie Nachbarn in unserem Hutong zu Tode geprügelt wurden. Mitschüler wurden geschlagen und man hat ihnen die Haare geschoren.

Am Anfang haben alle geglaubt, dass Mao recht hat, denn wir Kinder sind alle durch die Gehirnwäsche gegangen. Wie Mao meinen Vater attackiert hat, habe auch ich geglaubt, dass Mao recht hat und mein Vater unrecht. Aber dann hat sich meine Haltung verändert. Ich hatte das Gefühl, dass Mao uns alle benützt und ich begann mir meine eigenen Gedanken über Mao und sein System zu machen.“

Die herrschende Führungsschicht Chinas wird als zweite rote Generation bezeichnet. Es sind die Söhne und Töchter der Weggefährten Maos. Der Führer dieser sogenannten Princelings ist Parteichef, Staatspräsident Xi Jinping. Mao ist bei allen riesigen gesellschaftlichen Unterschieden für die Führungsschicht ein Faktor der Stabilität in turbulenten Zeiten, argumentiert der kritische Historiker Zhang Lifan.

„Wir stehen noch immer unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei, und die hat mit Mao Tsetung die Macht ergriffen. Mao ist der Staatsgründer der Volksrepublik China, aber er hat auch die Kulturrevolution losgetreten. Viele Chinesen finden es schwer Mao Tsetung zu verurteilen. Die gesamte Legitimität der Regierung könnte ins Rutschen kommen. Was mich betrifft, bin ich bis heute der Meinung, dass die Partei dem Volk eine Entschuldigung schuldet.“

Chinas Reformer Deng Xiaoping hat einst geurteilt, dass Mao zu 70 Prozent richtig und zu 30 Prozent falsch gelegen ist. Vor zwei Jahren hat der Historiker Zhang Lifan im Internet seine eigene Umfrage durchgeführt, ob China    mit Mao als Symbolfigur oder ohne Mao eine bessere Zukunft hätte. Mehr als drei Viertel der Antwortenden wollten lieber ein Land ohne Mao. Wenig später wurde der Blog auf dem chinesischen sozialen Netzwerk Weibo gesperrt.

Seine ketzerischen Ideen hat Zhang Lifan nicht aufgegeben.

„Der berühmte chinesische Schriftsteller Ba Jin wollte schon in den 1980erJahren ein Denkmal für die Opfer der Kulturrevolution errichten. Vor ein paar Jahren habe ich gemeinsam mit dem Anwalt Pu Zhiqiang den Vorschlag gemacht, dass der Leichnam Maos aus dem gegenwärtigen Mausoleum entfernt werden soll und kremiert werden soll, wie er selbst das wollte. Das frühere Mao-Mausoleum könnte dann in einen Museum über die Kulturrevolution umgewandelt werden. Wir wurden danach von vielen Maoisten attackiert.2

Pu Shiqiang, der gemeinsam mit dem Historiker Zhang Lifan den ketzerischen Vorschlag gemacht hat, ist ein Menschenrechtsanwalt, der in der Zwischenzeit in Haft ist.

Maoismus oder die Mao Tsetung-Ideen, wie die chinesische Variante der kommunistischen Herrschaftsideologie offiziell genannt wurde, war eine klar erkennbare Variante des Marxismus-Leninismus, die sich aus der stalinistischen Ideologie der Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts entwickelt hat. Heute ist in Peking der Sozialismus mit chinesischer Prägung die geltende Ideologie. Ungeachtet der höchst kapitalistischen Realität im heutigen China.

Parteichef und Staatspräsident Xi Jinping betont deutlich mehr als seine Vorgänger die Bedeutung des Marxismus als Fundament des politischen Systems.

„Alle Volksgruppen des Landes müssen ihr Vertrauen in die Theorie, den Weg und das System des Sozialismus mit chinesischer Prägung stärken. Wir müssen stark sein und mutig den korrekten chinesischen Weg verfolgen. „

Mehrmals im Jahr verdonnert der Staatspräsident die höchsten politischen Würdenträger zu marxistischen Ideologieseminaren. Einen modernen Sinomarxismus gelte es zu entwickeln, der hilft die Herausforderungen des 21.Jahrhunderts zu meistern, lässt er im Mai verlauten. Chinas Führung will sich gegen den liberalen Einfluss aus dem Westen zur Wehr setzen.

Die Volkszeitung zitiert aus einer früheren Rede Xi Jinpings auf der Parteihochschule vom Dezember 2015.

„Es gibt jede Menge von Kräften, die von Innen und von außen versuchen, unsere Partei zu drängen ihre Fahne und ihren Namen zu wechseln. So wollen, dass wir unseren Glauben in den Marxismus, in Sozialismus und Kommunismus aufgeben. Es gibt Genossen, auch innerhalb der Partei, die nicht erkennen, wie ernst die Gefahr ist, und die meinen, dass wir westliche sogenannte universelle Werte übernehmen. Es gibt Leute, die die westliche Denkweise für die goldene Regel halten und die unbewusst für kapitalistische Ideologie werben.“

Auch Mao Tsetung, auf den sich Parteichef Xi gerne beruft, hat ähnlich argumentiert. Jedes Jahr am Ersten Mai, dem traditionellen Tag der Arbeit, klingt der Generalsekretär und Staatspräsident tatsächlich sehr sozialistisch.

„Der Tag der Arbeit ist das große Fest der weltweiten Arbeiterklassen. Wir ehren heute die preisgekrönten Arbeiter des ganzen Landes. Unser Ziel ist es die Moral unserer Arbeiterklassen und der großen Gemeinschaft aller Arbeiter des Landes zu stärken.“

Was heisst genau Sozialismus mit chinesischer Prägung? Wir besuchen einen der führenden Marxisten Chinas in der Akademie der Sozialwissenschaften, die in einem Hochhaus unweit des Tienanmenplatzes angesiedelt ist. Im kleinen Arbeitsraum stehen Büsten von Karl Marx und Mao Tsetung und Kisten mit unverkauften Zeitschriften.

Die Mao tsetung Ideen sind unverändert der Leitgedanke für Staat und Partei, beteuert der marxistische Wirtschaftsexperte Cheng Enfu.

„Wo es in China Marktwirtschaft gibt, passen manche Theorien Maos nicht. Aber nach wie vor ist die Planwirtschaft wichtig, dort macht Mao Sinn. Zu recht hat er betont, dass die Landwirtschaft die Grundlage der wirtschaftlichen Entwicklung sein muss, dass gilt nach wie vor. Das Zentralkomitee verlangt auch, dass die Funktionäre Maos Artikel über die interne Arbeitsmethode der Partei studieren, wo er sagt, zu Führung gehört, dass man sich unterschiedliche Meinungen anhört. Wir entwickeln Maos Theorie weiter. „

Vor allem in der internationalen Politik sind Maos Ideen nach wie vor aktuell, argumentiert der führende marxistische Theoretiker Cheng Enfu.

„Die USA schließen Militärbündnisse um China einzukreisen. Wir sollten diese Einkreisung durchbrechen, indem wir alle möglichen Ländern und Kräfte zusammenbringen. Das ist ein Kernpunkt von Maos Theorie der drei Welten.

Die USA sind die einzige Supermacht und das Hauptproblem für die Welt, gegen die USA sollte es eine Einheitsfront geben. Europa und Russland gehören zur zweiten Welt. China bleibt ein Land der Dritten Welt, obwohl das Volumen der Wirtschaft so groß ist. Aber Pro Kopf der Bevölkerung gerechnet liegen wir nur auf Platz 90.“

Dass China trotz seiner Erfolge international keine besonders gute Presse hat, führt der Marxismustheoretiker Cheng Enfu auf den Einfluss der kapitalistischen Eigentümer im Westen zurück, die den Aufstieg einer sozialistischen Großmacht nicht hinnehmen wollen.

Der chinesische marxistische Theoretiker Cheng Enfu will den Meinungsaustausch mit linken Sozialwissenschaftlern im Westen fördern. Er nennt den slowenischen Philosophen Zlavoj Zizek und den französischen Ökonomen Thomas Piketty als relevante Vordenker. Und sogar Leo Trotzki, der Gegner Stalins in der kommunistischen Bewegung, ist für ihn kein Tabu.

„Stalin hat unrecht gehabt aber Trotzki hat auch unrecht gehabt, da legen wir uns nicht fest. Die Fragen der Vergangenheit spielen keine große Rolle bei uns. Aber viele Forscher haben etwas Angst vor Trotzki, weil sie überzeugt sind, dass  seine Anhängern  Antikommunisten sind. Dabei befürworten sie doch die Planwirtschaft.“

Wenn man vorsichtig formuliert, aber wirklich ganz vorsichtig und indirekt, dann könnte über Trotzki auch in China publiziert werden, meint Cheng Enfu.

An den chinesischen Universitäten wurden in den letzten Jahren viele Marxismus-Institute errichtet, parallel zu anderen Studienrichtung. Die Vorlesungen sind für alle Studierenden verpflichtend.

Roland Boer, ist ein australischer Sozialwissenschaftler mit einem Lehrauftrag an der Universität Peking. Er gilt als Freund Chinas, macht sich aber wenige Illusionen.

„In gewisser Weise ist das ähnlich, wie früher in der Sowjetunion. Bei einem Kurs geht es um die Grundlagen des Marxismus, bei einem anderem um den Sozialismus chinesischer Prägung. Manchmal wird das gut unterrichtet, oft schlecht. Verpflichtende Lehrveranstaltungen sind nie nicht populär. Aber für einige Studenten kann das der Anstoß sein, sich Gedanken zu gesellschaftlichen Fragen zu machen. Die Sozialwissenschaftler sind sicher nicht einfach als Lakaien der Regierung.2

Wir fragen Studierende nach ihren Erfahrungen

Die Meinungen über den obligatorischen Marxismus-Unterricht unter den Studierenden der Peking Universität variieren. Die Forstwirtschaftstudentin Ma Xuexiao hat nichts davon, erzählt sie uns.

„Für den Marxismusunterricht werden mehrere Klassen zusammengezogen. Wir bekommen fast nichts mit. Es ist reine Zeitverschwendung, aber es ist obligatorisch, da können wir nichts tun. Ich würde mir einen besseren Marxismus – Unterricht wünschen. „

Luo Yufeng, der Informatik studiert, ist zumindest nicht völlig enttäuscht.

„Im Unterricht ist es darum gegangen, wie der Marxismus umgesetzt werden kann, um zum Sozialismus mit chinesischer Prägung zu kommen. Wir haben die aktuelle Bedeutung der Mao Tsetung Ideen diskutiert und über die Erfolge bei der Modernisierung der Gesellschaft gesprochen.“

Eine gute Erinnerung an den Marxismuskurs hat die Kommunikationswissenschaftlerin Lin Dan.

„Unser Politikunterricht, bei dem es um Marxismus und Ideologie geht, ist nach dem Lehrbuch abgelaufen. Aber wir haben meistens Gruppendiskussionen organisiert, bei denen wir alle Fragen zum Sozialismus mit chinesischer Prägung stellen konnten.“

Marxismus hat bei uns immer zwei Seiten, sagt der Philosoph Han Shufia von der Fremdsprachenuniversität Peking. Einerseits geht es um politische Propaganda, andererseits wird er auch als wissenschaftliche Methode angesehen.

„Bis vor zwei Jahren konnte man das ruhig kritisieren. Man konnte schreiben, dass der Marxismus keine Wissenschaft ist, sondern eine Überzeugung, eine Ideologie. Ich selbst habe solche Artikel in der Akademie der Sozialwissenschaften in Shanghai geschrieben. Seit zwei Jahren hat sich das ein bisschen geändert.“

Das politische Klima hat sich in den letzten Jahren verhärtet in China. Der Druck auf NGOs, die unabhängig von den staatlichen Organen agieren, wächst. Letzten Sommer wurden hunderte Menschenrechtsanwälte festgenommen.

Immer wieder verlangt Unterrichtsminister Yuan Guiren von den Universitäten, dass sie westliches Gedankengut aus ihren Lehrbüchern entfernen und die Verbreitung westlicher Werte unterbinden. Dass der Marxismus nicht aus dem Osten, sondern aus Europa, also dem Westen nach China kam, war nur eine der wenig freundlichen Reaktionen aus den bedrängten Universitäten.

Die Kommunistische Partei sucht gleichzeitig den Dialog mit linken Sozialwissenschaftlern aus der ganzen Welt. An der Universität Peking fand letzten Herbst der Erste Weltkongress über Marxismus statt, mit hunderten Teilnehmern aus den USA, Europa, Asien und Afrika.

Die Regierung nimmt viel Geld in die Hand für die Marxismusforschung. Für den 200.Geburtstag von Karl Marx 2018 ist die Fertigstellung eines riesigen Karl Marx Gebäudes auf dem Universitätsgelände geplant.

Der australische Sozialwissenschaftler Roland Boer glaubt, dass die Suche der chinesischen Forschungsinstitute nach wissenschaftlichen Kontakten ins Ausland auch ein Versuch ist, über das enge politische Korsett hinauszugehen.

„Es gibt diese sensiblen Themen, die nicht offiziell diskutiert werden sollten. Dazu gehört der religiöse Extremismus. Aber bald merkt man , dass es in Forschungsinstitutionen eine völlig andere Ebene der Auseinandersetzung gibt. Denn genau deshalb, weil Themen sensibel sind, müssen sie wissenschaftlich untersucht werden.“

Manche chinesische Politikwissenschaftler glauben an eine Weiterentwicklung des Marxismus durch Konfuzianismus. Roland Boer hat da so seine Zweifel. Marx, der ewige Rebell, und Konfuzius, der Herrschaftstheoretiker, liegen doch weit auseinander.

„Mein Verständnis des Konfuzianismus ist, das es um ein sehr hierarchisches System geht, bei dem Harmonie das wichtigste Gut ist. Damit die Hierarchie funktioniert wird der Respekt für die Eltern eingefordert, für den älteren Bruder und für den Kaiser. Ich vermute, dass heute der Respekt für die Kommunistische Partei gemeint ist, zusätzlich zu nationaler Harmonie, Friede und Stabilität.“

Der Australier Roland Boer gilt als ausländischer Freund Chinas. Stalins Schnurrbart ist der ironische Titel seines Blogs, auf dem er um Verständnis für die Herausforderungen bei der Führung des riesigen Landes wirbt.

Die Idee eines Sozialismus chinesischer Prägung stammt von Deng Xiaoping, dem marktwirtschaftlichen Reformer. Der Philosophieprofessor Han Shuifa von der Fremdsprachenuniversität Peking versucht eine Begriffsklärung .

„Für Deng Xiaoping heisst Marxismus, dass es die führende Rolle des Proletariats geben muss und die Kommunistische Partei als deren Vorhut die Macht ausübt. Andererseits sollen die Produktivkräfte entwickelt werden, um zu einem gemeinsamen Wohlstand zu kommen. Auch diese Idee kommt ursprünglich aus dem Marxismus. Welcher Aspekt des Marxismus Präsident Xi Jinping wichtig ist, wird man sehen. Dem Kampf gegen Korruption hat er große Aufmerksamkeit geschenkt und er will den Kampf gegen die Armut führen.“

Bei der Staatsideologie geht es viel um Symbolik und weniger um Karl Marx, sagt der Philosoph Han Shiufa.

„Deng Xiaoping hat in Bezug auf Marx gemeint, dass unser Sozialismus in China noch in der Anfangsphase ist, die 100 Jahre dauern kann und mit einer kapitalistischen Phase verbunden ist. Darum steht bei uns der der Kapitalismus unter der Führung einer Partei, die den Sozialismus anstrebt.“

Von diesen hehren Zielen ist in den Einkaufstempeln der aufstrebenden Mittelschicht China wenig zu spüren. In den Shopping Malls der großen Städte geht es einzig und allein um das Konsumieren. Sie sind 150 Millionen unter den 1,4 Milliarden Bürgern Chinas, die sich Konsumgüter leisten können, von denen Großeltern oder Eltern nicht einmal träumen konnten. Sie sind das Rückrat des wirtschaftlichen Aufstieg Chinas.   In der beliebten Pekinger Einkaufsstraße von San Li tun ist der Bekanntheitsgrad von Karl Marx begrenzt.

„Tut mir leid, den kenne ich nicht.“

„Das ist doch der Chef des Kommunismus.“

„Das war ein Deutscher, ein Jude und der Begründer der marxistischen Theorie.“

„Marx…das ist der Deutsche der den Kommu..wie heisst das? den Kommunismus erfunden hat.

„Den kenn ich nicht, nie von ihm gehört.“

Als langjähriger China-Korrespondent der deutsche Tageszeitung Die Welt und des österreichischen Standard beobachtet Jonny Erling seit langem die chinesische Entwicklung. Ob das immer so war, dass Durchschnittsbürger von den ideologischen Übungen des Staates so wenig mitbekommen haben, wie jetzt?

OT

Was sich hinter der laufenden Ideologisierung in China verbirgt ist nach Ansicht des langjährigen Korrespondenten Jonny Erling völlig unklar.

OT

Die ungewöhnliche Kombination von Konsumorientiertem Kapitalismus und marxistischer Staatsideologie ist zunehmendem Stress ausgesetzt, seit das chinesische Wirtschaftswachstum sich verlangsamt.

Für den Shanghaier Ökonom Zhu Ning ist die Fortsetzung des Wirtschaftswachstums der letzten Jahrzehnte eine wichtige Basis für die Glaubwürdigkeit der Regierung bei den Bürgern. Mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent wird sich die gesamte Volkswirtschaft bis 2020 noch einmal verdoppelt, verspricht die Führung.

„Die Leute haben vom raschen Wachstum profitiert. Wenn das Wachstum zurückgehen würde, auf 1 oder 2 Prozent, wäre das völliges Neuland. Die Antwort auf die Frage, was dann passieren würde, wissen wir nicht.

Die Glaubwürdigkeit der Regierung ist noch immer groß in China. Aus historischen Gründen aber auch deshalb, weil China viel erreicht hat in den letzten Jahren. Daher war auch das Fiasko an den Börsen im letzten Jahr etwas enttäuschend. Da haben die Menschen begonnen sich Fragen zu stellen, ob die Regierung wirklich liefern kann, was sie verspricht. Aber insgesamt haben die Chinesen nach wie vor großes Vertrauen in die Regierung.“

Besonders schwer tun sich die Wirtschaftslenker der KP mit der urkapitalistischen Institution der Börse. Allerdings sind die Aktienkurse für die Entwicklung der Realwirtschaft in China deutlich weniger wichtig, als im Westen. Ist es so, dass die Menschen in China früher an den Sozialismus geglaubt haben, und jetzt an das Wachstum? Zhu Ning zieht einen Vergleich mit den kapitalistischen USA:

„In Zeiten einer Blase an den Börsen heißt es, wir vertrauen nicht Gott, wie das auf dem Dollarschein steht, sondern wir vertrauen dem Dollar selbst und wir glauben an die Börse. Die Menschen denken überall anders, wenn die Börse so hochgeht, dass eine Blase entsteht. Das ist einfach die menschliche Natur.“

Das verlangsamte Wachstum Chinas war eine Irritation für die gesamte Weltwirtschaft. Dass die wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung des Riesenreiches platzt, wie die Blase an den Börsen, glauben allerdings die wenigsten Experten. Aber wenn es nicht mehr den meisten besser geht jedes Jahr, werden die Interessensgegensätze zunehmen. Die Zahl der Streiks im Land nimmt zu. Der wachsenden Vielfalt der Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen, steht ein starres Einparteiensystem gegenüber, das nicht geeignet ist mit Interessensgegensätzen umzugehen. Die marxistische Idee vom Klassenkampf könnte helfen, Widersprüche und Dynamik der chinesischen Gesellschaft zu verstehen.

Aber davon will man im Sozialismus mit chinesischer Prägung, mit seiner wachsenden Mittelklasse in den Shoppingmalls der Großsstädte, ganz sicher nichts wissen.