Der Libanon hat in den letzten Jahrzehnten mehrere Bürgerkriege erlebt, Invasionen, Terroranschläge. Das Land hat sich dann trotzdem immer wieder erfangen. Ist das nach dieser verheerenden Explosion im Hafen von Beirut auch zu erwarten oder ist die Situation diesmal anders?
Das ist jetzt eine unmittelbare Notsituation, die ganz frisch ist. Was man da spürt, wenn man mit Libanesen spricht, das ist wirklich eine tiefe Demoralisierung, weil wirklich Schlamperei, Inkompetenz, Ignoranz zu der Katastrophe geführt haben. Das sind Dinge, die schwerer zu korrigieren, als Kriegsschäden.
Aber man muss ein bisschen abwarten. Es gibt eine große Tradition der Solidarität im Libanon, der zwischenmenschlichen Unterstützung. Die hat es den Menschen ermöglicht mit Bürgerkriegen, Kriegen und Invasionen umzugehen.
Auch mit der aktuellen Flüchtlingssituation. Eineinhalb Millionen Flüchtlinge aus Syrien leben im Libanon, eine halbe Millionen palästinensische Flüchtlinge gibt es im Libanon.
Das ist eine Belastung, das führt zu Konflikten, aber trotzdem hat es immer viel Solidarität mit den Flüchtlingen gegeben.
Die auch jetzt zu spüren ist, wenn Privatpersonen Familien, die obdachlos geworden sind, Zimmer in ihren Häusern anbieten
Jetzt herrscht einmal riesige Wut auf die Behörden, die so lange alle Warnungen ignoriert haben.
Man kann sich das kaum vorstellen, dass der Libanon einst als die Schweiz des Nahen Ostens gegolten hat. Was ist von diesem Charme noch geblieben?
Der Libanon hat wie die ganze Region einen Niedergang erlebt in den letzten Jahrzehnten, keine Frage. Aber nach wie vor ist der Libanon eines der freiesten Länder der arabischen Welt. Es gibt jetzt eine schlimme Wirtschaftskrise, aber die Libanesen sind ein Volk von Händlern, mit einer starken Diaspora in Frankreich, in Großbritannien und in den USA. Das hat es den Menschen immer wieder ermöglicht über große Krisen hinwegzukommen.
Im ersten Bürgerkrieg hat es jahrelang eine Demarkationslinie gegeben mitten in der Stadt, Westbeirut war islamisch, Ostbeirut war christlich und die jeweiligen Milizen haben in den anderen Stadtteil geschossen. Das ist alles wieder aufgebaut worden nach dem Friedensschluss.
Es hat israelische Invasionen gegeben, syrische Soldaten sind einmarschiert und die Iraner haben sich breit gemacht.
2005 hat der syrische Geheimdienst den damaligen Ministerpräsidenten Hariri mit seiner ganzen Wagenkolonne in die Luft gesprengt, ein ganzer Häuserblock wurde zerstört. Das hat man alles wieder hergestellt.

Man hat die Regierungsvertreter gesehen, die an der Unglücksstelle versprochen haben, dass die Schuldigen, die diese gefährlichen Chemikalien jahrelang im Hafen gelagert ließen, bestraft werden sollen. Wie glaubwürdig ist das? Und wie sieht denn das politische System im Libanon aus, das ja im Unterschied zu anderen arabischen Staaten nicht diktatorisch regiert wird?
Absolut, das hat immer den Charme des Libanon ausgemacht, die große Vielfalt und die Tatsache sich die verschiedenen Volksgruppen die Waage gehalten haben. Das hat zu einem einzigartigen konfessionellen Proporzsystem geführt.
Der Präsident muss immer ein Christ sein, und zwar ein Maronit, das ist die vorherrschende christliche Konfession. Der Parlamentspräsident muss ein Moslem sein, und zwar ein Schiit, der Regierungschef wiederum muss ein Sunnit sein und der Armeechef wieder ein Christ. Und dieses System hat sich durch die gesamte Verwaltung durchgezogen.
Die christlichen Maroniten waren eher am Westen orientiert und sie sprechen mehr französisch als arabisch. Alle Volksgruppen und Parteien hatten ihre eigenen Milizen, die vom Ausland finanziert wurden und bewaffnet wurden, die rechten christlichen Milizen von Israel, die schiitische Hisbollah aus dem Iran, das syrische Assadregime hatte seine Verbündeten..
Das ist jetzt ziemlich durcheinander, aber nach wie vor ist die schiitische Hisbollah, die vom Iran und von Assad unterstützt wird, ein militärisch und politisch wichtiger Faktor.
Jemanden zur Verantwortung zu ziehen, ist bei solchen Verhältnissen schwierig.
Im letzten Jahr, hat es im Libanon tagelange Massenproteste gegen die Eliten des Landes gegeben. Gegen wen haben sich diese Demonstrationen gerichtet 2019 und haben die etwas gebracht?
Das war eine Reaktion der Jugend darauf, dass dieser konfessionelle Proporz zum Stillstand geführt hat und dazu geführt hat, dass Probleme nie gelöst wurden sondern von den Eliten immer nur vor sich hergeschoben wurden. Das sind junge Leute aller Religionen und aller Volksgruppen auf der Straße gewesen.
Auslöser war der Niedergang der Wirtschaft und die sich verschlechternde Infrastruktur. Die Versorgung mit Elektrizität ist immer schlechter geworden. Die Banken haben nicht mehr ordentlich funktioniert.
Die Protestbewegung hat sich nicht durchsetzen können, das stimmt. Aber es hat auch keine Repression gegeben, wie in anderen Staaten. Da ist ein großes Potential da an jungen Leuten, die gebildet sind, die viele Kontakte haben in die arabische Welt, aber auch nach Europa und in die USA. Viele sprechen französisch und englisch.
Was jetzt sicher nötig ist, das ist humanitäre Hilfe, der Libanon braucht einen Anstoß von außen durch internationale Unterstützung, um die Lähmung nach dieser Katastrophe herauszukommen.