Nelson Mandela wird weltweit verehrt, in ganz Afrika geliebt, in seiner südafrikanischen Heimat sogar vergöttert.   Ob in den Slums von Rio oder bei den Herren des großen Geldes in der Wall Street,  im fernen Asien, in Europa oder in den  Diamantenminen des eigenen Landes: das langsame Sterben des 94jährigen bewegt Menschen aller Kasten, Volksgruppen und Klassen.

   Der  Freiheitskämpfer ist das einzige unumstrittene politische Idol der globalisierten Welt.  Ein  erfreulicher Tatbestand. Denn Mandela steht sowohl für unbeugsamen Widerstand gegen extreme Ungerechtigkeit, als auch für die seltene Großzügigkeit von Siegern nach der erfolgreichen Revolution.

  Das Apartheidregime unterschied sich von anderen Diktaturen durch die rassistische Theorie von der Überlegenheit der  Weißen über die schwarze Mehrheit. Die zuerst friedliche und dann  bewaffnete Auflehnung der Schwarzen gegen den Pariastatus im eigenen Land war die legitimste Rebellion ihrer Zeit.  In den unendlich langen 27 Jahren auf  Robben Island wurde Nelson Mandela   der prominenteste politische Gefangene des Globus.     

  Die Anti-Apartheidbewegung wollte  gleiches Wahlrecht für alle. Wo gut und böse liegen, schien sonnenklar. Aber die westlichen Demokratien standen  auf der falschen Seite. Es war Kalter Krieg und Pretoria galt als Bündnispartner gegen den Kommunismus. Die USA und Israel lieferten Waffen, Geheimdienstinformationen und Atomtechnologie, ungeachtet aller  Boykottmaßnahmen. Nie brachen die  Geschäfte mit dem Apartheidregime völlig  ab. Die Jugendorganisation der britischen Torys hätte Nelson Mandela am liebsten  hängen gesehen. David Cameron musste sich dafür später entschuldigen.  Für Margret Thatcher war der ANC  eine terroristische Organisation.    

  Tatsächlich wurde der südafrikanische Befreiungskampf massiv von der Sowjetunion unterstützt. Die Südafrikanische Kommunistische Partei war die treibende Kraft. Geld, politisches Know How und Waffen kamen aus Ostberlin, Moskau und Havanna.  Nelson Mandela selbst gehörte vor seiner Verhaftung zum ZK der KP.  Die Entscheidung zum bewaffneten Kampf nach dem Massaker von Sharpeville 1960  fiel nach einem Besuch bei Mao Tse Tung. Die Guerillaanschläge richteten sich nicht gegen die weiße Bevölkerung an sich, sondern gegen Polizeistationen, eine Ölraffinerie und ein Atomkraftwerk. Zivile Opfer  nahm man  aber bewusst in Kauf.  Sogar grausige Geheimgefängnisse des ANC  hat es damals gegeben.

   Der  ANC  bewährte sich als  breite Regenbogenallianz, die von schwarzen Nationalisten   über  linke Gewerkschaftler bis  zu weißen Intellektuellen reichte. Fünf Jahre lang hat Mandela die Angebote Pretorias abgelehnt, für die Abkehr vom bewaffneten Kampf frei zu kommen.

    Revolutionsführer an der Macht sind häufig eine Katastrophe, auch ganz ohne stalinistische Traditionen. Das belegt Robert Mugabe im benachbarten Zimbabwe.  Nelson Mandela ist das Gegenbeispiel.  Die Unnachgiebigkeit in der Haft verschaffte  ihm die Legitimität zum Dialog mit dem Reformer  Frederik de Klerk. Nur er konnte die schwarze Mehrheit davon überzeugen, das die Versöhnung selbst mit den radikalsten Rassisten zu suchen.

  Historiker streiten gerne über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte. Im Fall Südafrikas ist die Sache ziemlich klar. Ohne Nelson Mandela wäre der Apartheid im blutigen Chaos geendet. Separatistische Zulus und paramilitärische Weiße bedrohten die Einheit des Landes. In brutalen Kämpfen gab es hunderte Tote. Nelson Mandela setzte auf  Verhandlungen.  Er erwies sich als brillanter Politiker. Als er 1994 erster Präsident des demokratischen  Südafrikas  wurde, hatte er seinem Volk einen langen Bürgerkrieg erspart. Die weiße Herrenkaste akzeptierte die schwarze Mehrheit und die Herrschaft des ANC.

  In zwanzig Jahren ist eine schwarze Mittelschicht entstanden. Die Hautfarbe spielt keine große Rolle mehr im gesellschaftlichen Leben. Aber die Emanzipation der breiten Masse ist misslungen. Die Townships haben sich wenig verändert.  Gewalt ist allgegenwärtig. Im regierenden ANC kämpfen die Clans um die materiellen  Vorteile. Die Staatsbürokratie ist korrupt und ineffizient. Präsident Zuma lebt in einer Luxusfestung mit Helikopterlandeplatz und Fußballfeld, wahrscheinlich hat er Millionen unterschlagen.  Die verheerende AIDS-Epidemie  ist  Jahre lang schlicht geleugnet worden.

   Aufzustehen, so wie in  Brasilien oder der Türkei, hätte die Jugend Südafrikas viele Gründe.  Vielleicht erinnert sie sich einmal an die Anfänge des Vaters der   Nation als Rebell  gegen  Ungerechtigkeit und Elend.