In China jährt sich diesen Monat zum 50. Mal der Beginn der sogenannten Kulturrevolution. Mao Tsetung mobilisierte die Jugend Chinas gegen innerparteiliche Rivalen, die einen gemäßigten Kurs befürwortet haben. Zehn Jahre von Unruhen und Chaos waren die Folge, die erst nach dem Tod Maos 1976 zu Ende gingen. Das offizielle China hält die Erinnerung an diese tragische Episode der Geschichte auf Sparflamme. Eine Gedenkstätte an die Millionen Opfer gibt es keine. Einer der Wenige, die sich nicht scheuen auch unbequeme Aussagen zu treffen, ist der Pekinger Historiker Zhang Lifan.

Zhang Lifan ist eine der wenigen von den Behörden bedrängten aber tolerierten liberalen Stimmen Chinas. Die Blogs des angesehenen Historikers im chinesischen Internet sind seit zwei Jahren blockiert.

„Die Behörden wollen nicht, dass ich meine Meinung über die Kulturrevolution sage. Aus Anlass des Jahrestages haben sie mir das deutlich zu Verstehen gegeben. Aber 1981 ist die Kulturrevolution offiziell verurteilt worden, also warum soll ich nichts sagen dürfen? Ich war selbst ein Opfer, ich habe das alles erlebt, daher habe ich ein Recht darüber zu sprechen.“
Zhang Lifans Vater, Zhang Naiqi, war unter Mao Tse Tung Ernährungsminister, ist schon in den 1950erjahren in Ungnade gefallen und war einer der Feindfiguren in der bewegten Zeit. Als Mitbegründer der Chinesischen Nationademokratischen Assoziation war er einer der nichtkommunistischen Verbündeten Maos nach dem Sieg der Revolution.

„Mein Vater war ein Rechtsabweichler. Mao hat einmal drei Personen so bezeichnet und mit Vater war einer der drei. Für die Rotgardisten war er ein Feind.

Mein Vater ist festgenommen worden und die Rotgardisten haben ihn fast totgeprügelt. Er hat nur überlebt, weil er Erfahrung mit Kung Fu hatte und sich wehren konnte, so hat er mir das später erzählt. Ein lokaler Polizist hat ihn gerettet. Er ist dann in das Xiehe Spital gebracht worden, wo ihn aber niemand behandeln wollte. Erst eine Botschaft an Tschu En Lai hat bewirkt, dass mein Vater schließlich doch in die Notaufnahme gekommen ist. Nur deshalb  hat er überlebt.“
Als Sohn eines Staatsfeindes hat es Zhang Lifan schwer gehabt in der Schule. Er sagt, persönlich ist ihm nichts geschehen. Aber wiederholt hat er erlebt, wie in den Pekinger Hutongs Menschen von den Roten Garden gequält und ermordet wurden.
Zehn Jahre hat die Kulturrevolution gedauert. Eine lange Zeit, in der Schulen und Universitäten weitgehend geschlossen geblieben sind. Eine verlorene Dekade für die Entwicklung des Landes. Erst nach dem Tod Mao Tsetungs 1976 kam die Wende. Mit marktwirtschaftlichen Reformen begann der Aufschwung Chinas.
Zhang Lifan glaubt, dass ein Rückfall in die Willkür der Vergangenheit nach wie vor möglich ist.

„China ist vom Weg der Planwirtschaft abgegangen, aber den Stalinismus hat unser Land nie verlassen. Die Kulturrevolution könnte unter bestimmten Umständen wieder auftauchen. Wahrscheinlich nicht mit gleicher Intensität wie unter Mao, aber der Schaden, der für unsere Kultur und die gesellschaftliche Moral angerichtet wurde, ist riesig.“
Für die heutige Führung Chinas war die Kulturrevolution die prägende politische Erfahrung ihrer Generation. Präsident Xi Jingping ist als Jugendlicher selbst auf das Land verschickt worden. Der Vater des Präsidenten, ebenfalls ein hoher Parteifunktionär, wurde verfolgt. Warum Präsident Xi Jingping trotzdem eine Aufarbeitung der damaligen Zeit blockiert? Der Historiker Zhang Lifan fällt ein hartes Urteil:

„Für die zweite Generation der roten Revolutionäre ist Mao so etwas wie der Pate eines Mafiaclans. Auch wenn der Pate eigene Verwandte getötet oder gequält hat, wird er immer der Pate bleiben, daran wird sich nichts ändern. “
Für den chinesischen Historiker Zhang Lifan ist es die Angst um die Stabilität der Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas, die der Vergangenheitsbewältigung im Wege steht.

 

In den Jahren nach dem Tod Mao Tsetungs hat die Kommunistische Partei die Kulturrevolution noch als Verirrung verurteilt. Aber heute schweigt das offizielle China. Immerhin lässt die Zensur im Internet Postings zu, die Episoden von Gewalt und Willkür vor 50 Jahren beleuchten. Warum die Vergangenheitsbewältigung zu schwierig ist in China?

 

„Die Kulturrevolution darf man nicht schwarz-weiss sehen, urteilt der italienische Sinologe Francesco Sisci. Sie war ein Ruf der Jugend nach Freiheit gegen die KP-Parteifunktionäre und sie wurden von Mao manipuliert. Niemand war unschuldig, ganz sicher nicht die gewalttätigen jungen Revolutionäre. Die Propagandamaschine kann damit schwer umgehen.“

Auf dem Pekinger Panjiayuan Flohmarkt gibt es einen eigenen Bereich mit Kulturrevolutions-Memorabilia.

„Wie die ganze Sache begonnen hat, war ich ein Kind, erzählt uns der 60jährige Händler Gao Yanling. Alle haben einen Mao-Anstecker getragen, er war ein Idol, er ist angebetet worden, wie ihr im Westen das Gott tut.“

 

„Die Auswirkungen dieser 10 Jahre waren dramatisch, urteilt Zhang Guoqi, der ebenfalls mit Memorabilia handelt. Man muss sich damit beschäftigen, um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.“

Aber am Staatsgründer Mao Tsetung, der die totalitäre Jugendrevolte losgetreten hat, will die regierende Kommunistische Partei nicht rütteln.