Ein Jahr nach dem spektakulären Einmarsch in der nordirakischen Stadt Mossul hat die Organisation  Islamische Staat   die strategische Lage neuerlich dramatisch  verändert.  Mit der Eroberung von Ramadi, der bedeutendsten Stadt in der sunnitischen Provinz Anbar im Irak, und Palmyra im Zentrum Syriens  ist den Dschihadisten ein doppelter Coup gelungen. Entgegen allen Behauptungen der arabischen Regierungen und trotz monatelanger Luftangriffe der USA  ist der  IS weiter im Vormarsch.

  Um beide Städte ist wochenlang erbittert gekämpft worden.  Auf den Einsatz schiitischer Milizen hat Premierminister Haider al-Abadi aus Rücksicht auf die sunnitischen Stammeschefs  verzichtet. Die irakische Regierung hat ihre besten Eliteeinheiten in die Schlacht geworfen, ausgerüstet mit den modernsten amerikanischen Waffen. Als ein Dutzend Selbstmordattentäter  auf riesigen, mit Sprengstoff beladenen Trucks, den entscheidenden Sturmangriff  begannen, ergriffen sie die Flucht.  

  In Palmyra waren es syrische Regierungstruppen, die von den Kämpfern  besiegt wurden. Die Soldaten des Assad-Regimes haben einen jahrelangen Bürgerkrieg hinter sich. Dass sie dem Kampf aus dem Weg  gehen, wie das den  irakischen Regierungstruppen nachgesagt wird, kann niemand behaupten. Trotzdem mussten die Syrer sich aus der zentralen Stadt in der Wüste zurückziehen. Die schwarze Fahne des Islamischen Staates weht über Palmyras symbolträchtigen antiken Ruinen.

  Der doppelte  Erfolg an zwei weit voneinander entfernten Frontlinien ist eine bemerkenswerte militärische Leistung. Der Islamische Staat schafft es,  seine Bewaffneten über große Strecken zu bewegen und in koordinierter Weise zum Angriff überzugehen. Die Kontrolle des Luftraums durch die USA und die täglichen Luftangriffe der Alliierten könnten den Vormarsch bestenfalls verlangsamen.  Die Erwartung, dass IS sich militärisch überdehnt und wegen der langen Frontlinie  überfordert ist, hat sich nicht bestätigt.

  Auf den Einmarsch folgte der Rachefeldzug. Al Kaida im Irak, die Vorgängerorganisation von IS, hat in Ramadi seit langem ein Netz von Sleeperzellen unterhalten.  Flüchtlinge in Bagdad berichten, dass Polizisten und Regierungsbeamte, die nicht rechtzeitig das Weite suchen konnten, nach vorgefertigten Listen in großer Zahl erschossen wurden.    Mit dem Terror verfolgen die  Sieger  einen präzisen Zweck: er ist eine Warnung an die  sunnitischen Stämme, die von den USA in der Vergangenheit mit viel Geld  abgeworben wurden, keine Zusammenarbeit mit der Regierung in Bagdad zu riskieren.  Muss sich der irakische Premier al-Abadi  auf schiitische Milizen und ihre iranischen Militärberater stützen, dann verstärkt sich der  konfessionelle Charakter des Krieges. Die   Dschihadisten können  als Schutzherren der sunnitischen Volksgruppe agieren.

  In einem langen Interview mit dem Atlantic Monthly, einem Magazin für nachdenkliche Hintergrundanalysen, bestreitet Barack Obama, dass der Westen  den Kampf gegen IS  verliert.  Den Fall von Ramadi sieht er als taktischen Rückschlag, zurückzuführen auf die mangelnde Ausbildung der irakischen Truppen und die  Animositäten der Sunniten gegenüber der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad. Die Forderung einiger  Republikaner, wieder amerikanische Kampftruppen in den Irak zu schicken, lehnt Obama ab. Wenn die Iraker es nicht schaffen, selbst für  Sicherheit zu sorgen und in ihrem Land ein funktionierendes politisches System zu schaffen, dann können wir es nicht für sie tun, argumentiert der Präsident.

  Das Trauma des gescheiterten  Irakinvasion 2003 und der nicht enden wollende Krieg gegen die Taliban in Afghanistan setzen der Strategie des Westens enge Grenzen. Aber der  Islamische Staat ist kein ausschließlich regionales Phänomen. Als eine Art faschistische Heilsleere der Sunniten strahlt der Dschihadismus  auf   die islamischen Regionen Schwarzafrikas, auf Nordafrika und  bekanntlich auch auf  Schulen und Moscheen  in  Europa aus.  Der vorläufige Erfolg an der militärischen Front in Syrien und dem Irak bildet dafür das Fundament.

  Die Hoffnung auf eine rasche Trendwende  durch den Einsatz von Drohnen  hat sich zerschlagen. Der Krieg gegen die islamistische Organisation, die inzwischen halb Syrien und weite Teile des Irak kontrolliert, wird lange dauern und er wird  unterschiedliche Formen annehmen. Der Alliierten werden einen langen Atem brauchen.

  Die Zurückhaltung des Westens beim Einsatz von Bodentruppen ist nach den katastrophalen Erfahrungen der Vergangenheit berechtigt. Aber sollte Bagdad bedroht sein, werden die USA nicht tatenlos zusehen. Um in Syrien einen Waffenstillstand durchzusetzen, könnten UNO-Truppen erforderlich sein.  Damit in Libyen staatliche Strukturen wiederhergestellt werden,  werden sich die Europäer  mehr als bisher engagieren müssen.  Der  Vormarsch des Islamischen Staates wirft so manche Strategie über den Haufen.