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Tschechien beschuldigt Russland, einen verheerenden Anschlag auf ein Munitionsdepot verübt zu haben. Jetzt deckt die Rechercheplattform Bellingcat auf: Die mutmaßlichen Täter benutzten Österreich als Drehscheibe für ihre Mission.

von-raimund-loew

Zwischen Prag und Moskau fliegen die Fetzen. 18 russische Diplomaten hat Tschechien ausgewiesen, Russland schickt als Retourkutsche 20 tschechische Diplomaten heim. Grund ist die Explosion in einem tschechischen Munitionsdepot vor sieben Jahren, die vom tschechischen Premier Andrej Babis als „beispielloser terroristischer Anschlag auf tschechischem Territorium“ bezeichnet wird. Zwei tschechische Staatsbürger wurden dabei getötet, verübt haben soll das Attentat ein Team von Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Kremlsprecher Dimitiri Peskow spricht von „völlig unbegründete Anschuldigungen“.

Die Rechercheplattform Bellingcat identifiziert jetzt sechs Agenten der Einheit 29155 der GRU, die an dem Anschlag beteiligt gewesen seien. Einige der Attentäter haben offenbar Wien als Drehscheibe für ihren Einsatz in dem Munitionslager nahe dem südböhmischen Dorf Vrbetice benutzt – darunter der Kommandant der Einsatzgruppe, Generaloberst Andrey Averyanov sowie Oberstleutnant Nikolay Yezhov.

Geheimdienstler Anatoly Chepiga and Alexander Mishkin: Kurz nach Anschlag auf Munitionsdepot in Tschechien über Wien nach Russland gereist © Bellingcat

Bellingcat hat die Decknamen der über Wien reisenden Agenten recherchiert: General Averyanov kam unter dem Namen Overyanov am 13. Oktober 2014 mit einem Flug der Aeroflot nach Wien und verließ Österreich zwei Tage später. Oberstleutnant Yezhov reiste mit einem Pass auf den Namen Nikolay Kononikhin. Die beiden Herren fuhren dann im Auto die 300 Kilometer nach Vrbetice, einen Ortsteil der Gemeinde Vlachovice unweit der Stadt Ostrava.

Die Journalistinnen und Journalisten von Bellingcat, einer von Großbritannien aus arbeitenden Rechercheplattform, sind darauf spezialisiert, illegale Geheimdienstaktivitäten aufzudecken (einen Podcast mit dem Gründer Eliot Higgins und dem Rechercheur Christo Grozev finden Sie hier). Dem Antikorruptionskämpfer Alexej Navalny half Bellingcat kürzlich dabei, den Agenten auf die Spur zu kommen, die ihn in Sibirien umbringen wollten.

Als 2018 der Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter Julia in Großbritannien mit dem Nervenkampfstoff Novitschok vergiftet wurden, konnten Bellingcat-Leute in allen Details die Reiseroute von russischen Geheimdienstagenten an den Ort des Anschlags rekonstruieren. Zwei der Beschuldigten in diesem Fall, die Geheimdienstler Anatoly Chepiga and Alexander Mishkin, könnten auch in das Attentat auf das Munitionsdepot in Vrbetice verwickelt sein: Sie haben sich laut Bellingcat knapp vor der Explosion 2014 in Tschechien aufgehalten – und reisten unmittelbar danach via Wien nach Moskau zurück.

Chef des russischen GRU-Kommandos 2014 in Vrbetice war laut Bellingcat jener General Andrey Averyanov, der von Wien aus die Grenze nach Tschechien überschritt. Bellingcat hat Nachweise für Telefonate von Averyanov nach Moskau gefunden und schließt daraus, dass der General über eine direkte Kommunikation sowohl zum Kreml als auch zum obersten Geheimdienstchef des GRU verfügt.

Warum genau russische Agenten dieses ominöse Munitionsdepot gesprengt haben sollen, ist unklar. Tschechische Zeitungen sprechen davon, dass es dort Waffen für das ukrainische Militär gelagert wurden, deren Auslieferung verhindert werden sollte. Die Moskauer Darstellung, das alles sei antirussische Hysterie, wird durch die Enthüllungen von Bellingcat in Frage gestellt. Auch Wien kommt unter Druck. Außenminister Alexander Schallenberg hat Tschechien Solidarität zugesagt. Zur Forderung Prags, andere EU-Staaten sollten zur Unterstützung Tschechiens ebenfalls russische Diplomaten ausweisen, hat sich das Außenministerium in Wien vorerst nicht geäußert.

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