Andenken an Hermann Dworczak 1948-2026 – Falter Morgen –

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Er prägte die 68er-Bewegung in Wien wie kein Zweiter, stand ein für eine gerechtere Welt. Ein Nachruf auf einen Mitstreiter.  Anfang letzter Woche ist Hermann Dworczak, ein führender Aktivist der 68er-Bewegung in Wien, nach langer Krankheit gestorben. Dworczak hat Demonstrationen gegen den amerikanischen Vietnamkrieg und für den Widerstand gegen die sowjetische Besetzung der Tschechoslowakei organisiert. Auf den „Teach-Ins“ der Universität Wien agitierte er für eine Neue Linke. In  Philosophie-Vorlesungen fiel er durch Wortgefechte mit konservativen Professoren auf. Bei den abendlichen Politdisputen im Neuen Institutsgebäude waren die als Stalinisten verschrieenen KPÖ-Studenten die Kontrahenten. Hermann Dworczak war Sprecher der trotzkistischen Gruppe „Revolutionäre Marxisten”. Wir haben in der Studentenpolitik nach 1968 zahlreiche Kämpfe gemeinsam geschlagen. 
Hermann Dworczak (dritter von links) bei einer Demonstration im Jahr 1968. (© „Menschenbilder, Photos aus Österreich 1966-1988″ von Michael Horowitz)
Anders als viele von uns ist Hermann aus ganz einfachen Verhältnissen gekommen. Sein Vater, ein Angestellter der Wiener Gaswerke, und seine Mutter, eine Putzfrau, konnten mit der neuen Welt des Sohnes nichts anfangen. Seine Herkunft war ein Vorteil in der politischen Agitation. Hermann Dworczak verstand es, die Menschen fast magisch anzusprechen. Beim Agitationsstand gegen die Militärdiktatur in Chile am Praterstern strömten sofort hunderte Zuhörer zusammen, wenn er am Mikrofon war, während die Passanten andere Redner ignorierten. Am 1.Mai 1968 zog Hermann, wie immer begleitet von den Sprechchören „Hoch die internationale Solidarität“, auf den Wiener Rathausplatz, um das Platzkonzert der Wiener SPÖ umzudrehen. „Wir wollen über den Sozialismus diskutieren statt Blasmusik“, forderte er. Bürgermeister Bruno Marek war verdutzt und holte die Polizei. Jahre später machte Hermann Dworczak mit, als gegen das AKW Zwentendorf und in Hainburg für grüne Anliegen demonstriert wurde.Seine Energie ist Hermann Dworczak auch nach Ende der Studentenbewegung geblieben. Er engagierte sich für Anläufe, etwas Neues links von der Sozialdemokratie aufzubauen, aus denen nichts wurde. Zum Beispiel als Sprecher der Gewerkschaftlichen Einheit, aus der später die Alternative und grüne Gewerkschaft hervorgegangen ist. Beim Weltsozialforum im globalen Süden war er in den österreichischen Delegationen mit dabei. Privat liebte er Boogietanzen. Er ging gerne auf Bälle, zur Verwunderung so mancher Mitkämpfer.Hermann Dworczak hat es mit seinem Optimismus immer wieder geschafft, seine Freunde mitzureißen und die Utopie einer gerechten Welt am Leben zu halten. Seine Stimme ist vor Jahren durch Krankheit verstummt. In der Nacht vom 19. zum 20. Jänner ist Hermann im Donauspital in Wien 78-jährig gestorben.