In Myanmar, dem früheren Burma, hat die demokratische Opposition vor drei Wochen einen fulminanten Wahlsieg errungen. Die Militärs, die das Land seit Jahrzehnten regieren, akzeptieren den Triumph von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Der bevorstehende Machtwechsel hat bereits erste Auswirkungen in anderen Staaten Südostasiens. In Kambodscha will die Opposition es Myanmar gleichtun. Aber in dem Land, das sich nur langsam von der blutigen Terrorherrschaft der Roten Khmers erholt, reagiert die autoritäre Regierung vorerst mit Repression, berichtet ORF-Asienkorrespondent Raimund Löw.

Nur quälend langsam erholt sich Kambodscha vom schweren Erbe des Indochinakrieges. Während der Nachbar Vietnam wirtschaftlich aufholt und sogar gute Beziehungen zum einstigen Kriegsgegner USA knüpft, überschattet das grausige Erbe der Roten Khmer in Kambodscha nach wie vor die politische Auseinandersetzung. Der starke Mann des Landes, Premierminister Hun Sen, ist in Phnom Penh seit drei Jahrzehnten an der Macht.

2018 stehen in Kambodscha Wahlen bevor. Die Kambodschanischen Nationalen Rettungspartei , die größte Oppositionspartei des Landes, spürt nach dem Umschung in Myanmar Rückenwind und glaubt nach vielen Rückschlägen an eine neue Chance. Die unmittelbare Folge ist jedoch eine abrupte Verhärtung der innenpolitischen Fronten im Land.

Wieder und wieder werden im Internet die Videoszenen abgerufen, die zeigen, wie zwei Oppositionsabgeordnete vor dem Parlament krankenhausreif geprügelt werden. Die Regierungspartei bestreitet jede Verantwortung, aber Kritiker sprechen von einer konzertierten Aktion der Einschüchterung.

Wenige Tage später wurde der zur Opposition gehörende stellvertretende Parlamentspräsident abgewählt. Als Oppositionsführer Sam Rainsy ankündigte, er will wie in Myanmar auch in Kambodscha einen Machtwechsel, erfolgte der bisher schwerste Schlag: ein kambodschanisches Gericht erließ einen Haftbefehl gegen den Politiker, der sich seither im Ausland aufhält und nicht mehr zurück kann nach Phnom Penh.

Im Land herrscht Arbeitslosigkeit und Korruption, kritisiert der kambodschanische Oppositionsführer Sam Rainsy. Aber die jungen Leute, die über soziale Netzwerke kommunizieren, wollen eine Veränderung. Der Wind der Freiheit wird sehr bald Kambodscha erreichen, gibt sich der Oppositionschef zuversichtlich.

Politiker der Regierungspartei und der Opposition werfen einander gegenseitig vor, dass sie einst mit den Roten Khmer kollaboriert haben. Hun Sen, der starke Mann des Landes, ist nach dem Sturz des Pol Pot-Regimes mit Hilfe Vietnams an die Macht gekommen. Der Regimewechsel, den die Opposition für 2018 anstrebt, kann zum Bürgerkrieg führen, schürt Premierminister Hun Sein die Angst vor einer neuerlichen Destabilisierung.

Der innenpolitische Konflikt hat eine starke nationale Komponente. Die Oppositionspartei gibt sich prowestlich, ist aber vor allem kambodschanisch nationalistisch. Sie klagt über den starken Einfluss Vietnams auf die Regierungspolitik in Phnom Penh. Dass erst vietnamesische Truppen dem Morden der Roten Khmer unter Pol Pot ein Ende bereitet haben, rückt in den Hintergrund.

Das Gefühl der Bevormundung durch den großen Nachbarn Vietnam ist weit verbreitet in Kambodscha. Der Überdruss über ein Regime, das seit Jahrzehnten alle Fäden in der Hand hält, hat eine Proteststimmung geschaffen, die Langzeitpremier Hun Sen bei freien Wahlen tatsächlich gefährlich werden könnte.

Am Rande der Hauptstadt Phnom Penh wachsen Fabriksgelände, auf denen internationale Konzerne um billige Arbeitskräfte werben. Groß angelegte Bauprojekte aus China verändern das Stadtbild. Aber immer noch ist internationale Hilfe wichtig für das Armenhaus Indochinas. Die Oppositionspolitiker wollen jetzt nach Europa und die USA reisen, um durch internationalen Druck wie einst gegen die Militärs in Myanmar dem autoritären Kurs der Regierung entgegen zu wirken. Allerdings: eine Führungspersönlichkeit von der moralischen Autorität der Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi in Myanmar gibt es in keinem anderen Land Südostasiens.