Die Feindschaft zwischen den Atommächten Indien und Pakistan gefährdet Asien

Letzte Woche war es wie ein Schock: Indien und Pakistan, die beiden Erbfeinde des indischen Subkontinents standen knapp vor einem Krieg. Die verfeindeten Staaten sind Atommächte. Niemand konnte ausschließen, dass Atomwaffen eingesetzt werden. Die akute Krise ist vorbei, aber die Spannungen bleiben.
Ist das Schreckgespenst eines Atomkrieges auf dem indischen Subkontinent tatsächlich verschwunden?
Entwarnung kann man noch keine geben. Die Atmosphäre war unglaublich aufgeheizt letzte Woche, es gibt Kriegstreiber auf beiden Seiten, die lautstark verlangen, dass dem Nachbarn eine Lektion erteilt wird.
In Indien ist ein Hindu-Nationalist im Ruder, Premierminister Narenda Modi, der steht im Wahlkampf und muss seine fanatisierte Basis mobilisieren.
In Pakistan hat das Militär das letzte Wort. Und über die Grenzlinie in Kaschmir wird täglich scharf geschossen, mit schwerer Artillerie.
Kaschmir im Norden Indiens, im Norden Pakistans, am Fusse des Himalaya, das ist der einzige Ort in der Welt, an dem sich zwei Atommächte nicht nur gegenüber stehen, sondern Als Atommächte mit konventionellen Waffen über Wochen einen Kleinkrieg gegeneinander führen.
Das ist nach wie vor hoch gefährlich.
Wie konnte die Situation letzte Woche derart eskalieren, dass in beiden Staaten offen darüber gesprochen wurde, dass ein Krieg bevorsteht? Von nationalistischen Einpeitscher auf beiden Seiten ist ein bewaffnetes Vorgehen gegen den Nachbarn ja richtiggehend herbeigerufen worden.
Es hat einen Selbstmordanschlag gegen eine indische Militärpatrouille in Kaschmir gegeben, bei dem 40 Soldaten umgekommen sind. Eine furchtbare Attacke. Bei so viel Toten haben alle gewusst: das wird Folgen haben.
Die Regierung in New Delhi hat sehr schnell gesagt, dieser mörderische Anschlag ist von einer Terrororganisation gekommen, die von Pakistan aus agiert. Und die indische Luftwaffe hat etwas gemacht, was es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat: sie hat ein angebliches Lager dieser Terrororganisation in Pakistan bombardiert. Das hat es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben, weil es so gefährlich ist, wenn Nachbarn beginnen sich gegeneinander zu bombardieren.
Die Pakistanis haben natürlich zurückgeschlagen, sie haben ebenfalls Kampfflugzeuge in Richtung Indien geschickt. Es ist zu einem Luftkampf gekommen.
Da bestand akute Kriegsgefahr.
Entspannt hat dann interessanterweise die Situation Pakistan. Die Pakistanis haben ein indisches Flugzeug abgeschossen und den indischen Kampfpiloten gefangen genommen. Der Gefangene ist aber innerhalb weniger Stunden nach Indien zurückgeschickt worden, und ab dem Moment ist die Situation nicht weiter eskaliert.
Indien ist die größte funktionierende Demokratie des Globus, mit 1,3 Milliarden Menschen. Warum ist ein friedliches Nebeneinander mit dem Nachbarn Pakistan so schwierig?
Der entscheidende Grund ist Kaschmir. Das hat mit der Geschichte zu tun, aber auch mit der aktuellen Politik. Kaschmir ist von Moslems bewohnt, aber gehört zu einem großen Teil zu Indien. Das hat zu vielen Kriegen geführt, seit der Staatsgründung Indiens und der Teilung in die Staaten Indien und Pakistan.
Aber politisch ist man, wenn man aus Indien kommt, in Kaschmir in einer anderen Welt. Die indische Armee, die indische Polizei wird dort als Besatzungsarmee empfunden. Sie gebärdet sich auch wie eine Besatzungsarmee in einem fremden Land und schießt scharf ohne viel Federlesen, wenn es Proteste und Demonstrationen gibt.
Die Folge ist eine Radikalisierung der islamischen Jugend im indischen Teil Kaschmirs. Die jungen Leute suchen nach Unterstützung, und sie finden sie bei islamistischen Terrororganisationen in Pakistan. Das ist eine teuflische Logik.
Dazu kommt permanent die Gefahr von Terrorangriffen. Vor 10 Jahren haben Terroristen aus Pakistan die Finanzmetropole Mumbai angegriffen, es gab über 100 Tote.
Als es letzte Woche die gegenseitige Luftangriffe gegeben hat, war die internationale Gemeinschaft alarmiert. Es hat viele Warnungen in Richtung Pakistan und Indien gegeben. Aber Krisendiplomatie, wie sie früher vor allem von Washington aus betrieben wurde, gibt es unter Trump keine. Wie wirkt sich in solchen gefährlichen Situationen die Zurückhaltung der USA aus?
Der Rückzug der USA aus der internationalen Krisendiplomatie bedeutet, dass die regionalen Regierungen mehr auf sich selbst gestellt sind als früher. Und es bedeutet auch, dass China eine größere Rolle spielt.
Pakistan, im konkreten Fall, ist ein enger Verbündeter Chinas. China hat viele Milliarden in Infrastrukturprojekte in Pakistan investiert, die Chinesen bauen Zugsverbindungen, Autobahnen und einen Hafen. China will Stabilität und es ist auffällig, wie verantwortungsbewusst Pakistan reagiert hat. Das ist ein Zeichen, dass wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen, als Gegengewicht zu den Hardliniern in den Geheimdiensten und im Militär.
Der von den Pakistanis abgeschossene indische Pilot ist in Indien als Märtyrer und Held gefeiert worden. Die Pakistanis haben dem Mann vor laufender Kamera Tee zu trinken gegeben, vor laufender Kamera, und haben ihn sehr rasch nach Indien zurückgeschickt.
Am Ende konnten sich beide Seiten als Sieger fühlen. Die Pakistanis, weil sie ein indisches Flugzeug abgeschossen haben. Und die Inder, weil sie ihren Piloten so rasch zurückbekommen haben.
Aber so lange es keinen dauerhaften Kompromiss für Kaschmir gibt, kann dieser Konflikt jederzeit neu aufflammen.
Das heißt, die Spannungen zwischen den Atommächten Pakistan und Indien werden als globale Bedrohung bleiben.

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