Während die Türkei mit Europa hadert, weil immer mehr Staaten den hundertsten Jahrestag der Massaker an 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich als „Völkermord“ bezeichnen, tobt in Asien ein anderer Streit um Begriffe. Auf dem Prüfstand steht Japan. Mit Argusaugen verfolgen die Nachbarn, welche Formulierungen der japanische Premierminister Shinzo Abe verwenden wird, wenn er im August eine Rede über das Ende des Zweiten Weltkrieges hält.

  Die Tragödien, um deren Bewertung in Asien und Europa gekämpft wird,  liegen drei oder vier  Generationen zurück.  Aber ungeachtet der zeitlichen Distanz scheint plötzlich nichts so aktuell wie die Vergangenheit.

  Das kaiserliche Japan hat in Asien so ähnlich gewütet  wie Hitlerdeutschland in Europa. Korea war Jahrzehnte als Kolonie versklavt. Die Raubfeldzüge gegen China haben Millionen das Leben gekostet. Das Massaker von Nanjing, bei dem japanische Soldaten hunderttausende Zivilisten getötet haben, ist eines der schlimmsten Kriegsverbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts.  Aber der Kaiser, der den Krieg geführt hat, ist geblieben. Zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle war Japan nie gezwungen.

  Die ehrlichste Regierungserklärung zum Zweiten Weltkrieg gab in Tokio 1990 der damalige Ministerpräsident Murayama nach monatelangen internen Beratungen. Murayama geiselte den „selbstgerechten Nationalismus“ seiner Heimat. Er bot eine „aufrichtige Entschuldigung“  für die „koloniale Herrschaft und Aggression“ seines Landes und sprach von „tiefer Reue“ Japans als Basis der friedlichen Entwicklung.

Murayama war ein Sozialist. Shinzo Abe, der heutige starke Mann in Tokio, ist ein rechter Nationalist. Bei Weltkriegsgedenken äußert er zwar „tiefe Reue“ über die vergangene  Rolle Japans. Aber jedes Mal fehlt die „aufrichtige Entschuldigung“ seines Vorgängers Murayama. Die Differenz scheint Wortklauberei. Aber der Premier will mit der vergessenen Entschuldigung seine nationalistische Basis nicht enttäuschen. 

  Südkorea, ein Land mit starken antijapanischen Emotionen, reagiert auf die Auslassung jedes Mal  empört. Die Regierung in Seoul fördert die antijapanischen Reaktionen.    In Peking warnt die chinesische Regierung ritualisiert vor einer Verwässerung früherer japanischer Erklärungen. Über die Schuld Japans spricht man in Peking leichter als über die Kulturrevolution oder andere dunklen Perioden in der eigenen Geschichte.

  Die unbearbeitete Geschichte dient auch im türkisch-armenischen Streit in Europa als Vehikel, um  nationalistische Emotionen nach Belieben hochzufahren oder zu reduzieren.

   Anders als der Papst und viele EU-Regierung bezeichnet Barack Obama die Ermordung der Armenier nicht als Völkermord, sondern als „schreckliche Schlächterei“ in einem „dunklen Kapitel der Geschichte.“   Entlastet werden die  osmanischen Machthaber durch diese Qualifikation nicht. Trotzdem löst allein der Begriff des Völkermordes einen heftigen Rundumschlag der türkischen Führung gegen den Westen aus.

   Für Armenien ist die Anerkennung des Genozids eine Frage der nationalen Identität. Die armenischen Lobbys drängen die Staatengemeinschaft seit Jahren dazu, die Massaker von 1915 auf die gleiche Stufe mit der Ermordung der Juden durch die Nazis zu stellen.   Die Regierung in Jerewan  träumt von größerem Verständnis für den armen Kaukasusstaat, wenn der armenische Völkermord zum internationalen Konsens wird. Kein ganz unschuldiger Wunsch: Armenien hält das Gebiet um Nagorny-Karabach im Nachbarstaates Aserbeidschan besetzt. Je stärker Armenien weltweit mit der eigenen Opfergeschichte verbunden ist, desto leichter wird man sich gegen einen Kompromiss mit dem Turkvolk der Aserbeidschaner wehren können, glaubt man in Erewan. Armenische Nationalisten wollen gar Teile der Türkei zurückerobern.

  Aber welches Ziel verfolgt die heute Türkei mit den heftigen Reaktionen auf die internationale Anerkennung des Armenier-Völkermordes? Die Frage gibt Rätsel auf. Noch vor wenigen Jahren war eine gemeinsame historische Bearbeitung der Tragödie geplant. Die türkisch-armenische Grenze sollte geöffnet werden. Jetzt instrumentalisiert Erdogan die fehlende Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte zum Frontalangriff gegen Europa und den Westen. Ein  trauriges Zeichen für die  Renationalisierung  der türkischen Politik.

  Wenn Geschichte  die Spaltung zwischen den Völkern vertieft, ist das ein Warnsignal, dass auch die Verhältnisse zwischen Staaten ins Rutschen kommen. Zwischen der Türkei und Europa ist das ebenso der Fall wie in Asien. Immerhin: über die armenische Tragödie wird heute in der Türkei trotz Erdogan freier gesprochen als noch 2007, als der türkisch-armenische Journalist Hrank Dink ermordet wurde. Der japanische Ex-Premier Murayama will zum Weltkriegsgedenken nach Peking fahren, ganz unabhängig davon, welche Formulierungen sein nationalistischer Nachfolger über die Rolle Japans bis 1945 wählen wird. Wichtige Gegenstimmen in einer Welt, in der nationale Feindbilder historisch untermauert werden.