„TV Media“ vom 13.08.2014                                    Seite 16

 

KATJA OBERAUER

 

RAIMUND LÖW. Der langjährige Brüssel-Korrespondent des ORF zieht Anfang 2015 und kurz vor der Pension nach Peking. Wir fragten nach, warum

 

Er will es noch einmal wissen. Nur zweieinhalb Jahre vor seiner Pensionierung zieht Raimund Löw vom Machtzentrum der EU ins Reich der Mitte, in ein aufstrebendes Land, dessen kommunistische Führung sein Volk zum Schweigen bringt. Löw wird ab Jänner 2015 als ORF-Auslandskorrespondent aus Peking berichten und löst damit Jörg Winter ab, der nach Istanbul geht. Wer Löw in Brüssel folgen wird, steht noch nicht fest, seine ORF III-Sendung Inside Brüssel übernimmt derweil Roland Adrowitzer.

 

Karriere-Stationen. China ist die fünfte Korrespondenten-Station des 62-jährigen Wieners. Nach Moskau (1989-’91) berichtete er bis 1997 aus Washington, kehrte für fünf Jahre nach Wien zurück, wo er die Zeit im Bild-Redaktion leitete. 2003 zog es ihn erneut in die USA, seit 2007 arbeitet er in Brüssel. Ob Peking seine letzte Station sein wird und warum er sich das antut, verrät er im Talk.

 

TV MEDIA: Mit welchen Gefühlen fahren Sie in ein Land, wo die Umwelt mit Füßen getreten wird und der Staat zensuriert?

 

Raimund Löw: Ja, es ist ein Abenteuer. Aber es ist auch ein Land, das in den letzten 30 Jahren den größten Wirtschaftssprung gemacht hat, den es je in der Menschheitsgeschichte gegeben hat. Die Eltern jener, die sich jetzt Autos zulegen können und damit durch Peking fahren, waren einst so arm, dass sie sich nicht einmal Seife leisten konnten. Zu sehen, wie eine Gesellschaft das verkraftet, was für politische Spannungen entstehen, wie man versucht, die zu lösen und wie die Welt damit umgeht, dass sich in China ein potentieller Konfliktherd auftut – das erscheint mir als ein Abenteuer, das es wert ist, sich darauf einzulassen.

 

TV MEDIA: Wie gut kennen Sie China eigentlich?

 

Löw: Ich kenne China ein bisschen, aber ich werde es noch kennenlernen müssen, um wirklich gut darüber berichten zu können. Ich habe schon angefangen, Chinesisch zu lernen. Aber das Schöne ist ja, dass man als Auslandskorrespondent nicht als Spezialist wo hingeht, sondern man muss mit dem Auge des Publikums hinschauen.

 

TV MEDIA: Sie sind für zwei Jahre bestellt. Hat diese Begrenzung vielleicht etwas mit Ihrer Pensionierung zu tun?

 

Löw: Das würde ich nicht ausschließen (lacht). Es ist nicht so, dass ich so schnell wie möglich in Pension gehen möchte, aber in zweieinhalb Jahren hab‘ ich nun einmal das Pensionsalter erreicht. Und wenn ich die Tradition im ORF richtig sehe, dann werde ich dann auch in Pension gehen.

 

TV MEDIA: So knapp vor dem Ruhestand noch eine so große Veränderung. Warum?

 

Löw: Ich möchte etwas Neues ausprobieren. Und es ist ein guter Zeitpunkt: Im Herbst kommt eine neue EU-Kommission, Korrespondenten wechseln. Ich für mich bin überzeugt , dass ich den besten Job der Welt hab‘, dass man tolle Erfahrungen machen kann. Ich war in Moskau, als die Sowjetunion zerfallen ist, ich habe über Clinton und George W. Bush berichtet, ich hab‘ die Euro-Krise erlebt und bin jetzt sehr gespannt, was ich in Peking erleben werde.

 

TV MEDIA: Zensur?

 

Löw: Als junger Korrespondent in Moskau war ich in einem eigenen Ausländer-Block untergebracht, wo völlig klar war, dass dort alles verwanzt war. Es hat mich nicht beunruhigt, aber ein starker KGB hat auch nicht die Sowjetunion gerettet. Darum habe ich mich nie besonders vorm russischen, noch vorm amerikanischen Geheimdienst gefürchtet. Und das wird mich auch in China nicht beunruhigen. Denn: Es ist klar, dass die chinesische Staatssicherheit alle Auslandskorrespondenten in China im Visier hat.

 

TV MEDIA: Kein ungutes Gefühl?

 

Löw: Man bewegt sich anders in einem demokratischen Land mit Meinungsfreiheit als in einem Land mit Zensur. Ich bin ganz gerne in sozialen Netzwerken. – In China ist Twitter blockiert. Auch die New York Times-Homepage ist blockiert. Das sind Dinge, mit denen man umgehen muss, man kann sie nicht ändern. Man soll sich selber nicht bemitleiden, 1,3 Milliarden Chinesen sind damit konfrontiert.