Armin Wolf: Heute gehören 11 ehemals kommunistische Staaten oder Teilrepubliken der EU und der sogar 12 der NATO an. Man würde meinen, der Westen hat politisch auf ganzer Linie quasi gewonnen. Und trotzdem ist seit einigen Monaten wieder die Rede von einem neuen Kalten Krieg. Aber ist das nicht – im Vergleich zu dem, was bis vor 25 Jahren der Kalte Krieg war eine Hysterie?

 

Raimund Löw: Natürlich, mit Atomwaffen bedroht man sich nicht mehr gegenseitig, das stimmt. Aber einen monatelangen Krieg wie jetzt der Krieg Russlands gegen das Nachbarland  Ukraine, den hat es in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben. Das war erst beim Zerfall Jugoslawiens der Fall. Darum ist die Sorge riesig in Nordeuropa, im Baltikum, in Polen, dass die Auseinandersetzung um die Ukraine nicht eingefangen werden kann und daraus ein noch größerer Konflikt wird.

Die  Europäer verhandeln mit Russland, man will auf Wladimir Putin eingehen. Aber der Kremlherr wird nicht mehr als konstruktiver Partner angesehen, sondern als Kontrahent.

Gleichzeitig ist allen bewusst mit wie vielen Fäden das moderne Russland mit Europa verbunden ist. In der Wirtschaft, in der Kultur im Sport.

Daher diese Doppelstrategie: verhandeln, keine Türen zuschlagen, aber gleichzeitig auch ziemlich harte Wirtschaftssanktionen. Die auch für die EU etwas Neues sind, denn dass die Europäer ihre Wirtschaftsmacht so konsequent einsetzen um ein außenpolitisches Ziel zu verfolgen, die Eindämmung des  natinoalistischen und revanchistischen Vorgehens Russlands, das hat es noch nie gegeben.

Da passt es auch dazu, dass es 25 Jahre nach dem Mauerfall ein Revival der NATO gibt, des westlichen Verteidigungsbündnisses, weil man in einer instabiler gewordenen Welt Sicherheit verstärkt vom atlantischen Bündnisses setzt, zu dem auch die USA gehören.