Das große Thema dieser Woche ist der ansteckende Coronavirus, der sich von China aus weltweit ausbreitet. Die Zahlen sind in Wirklichkeit beschränkt. In China werden 7000 Infizierte gemeldet, mehr als 170 Menschen sind gestorben. Heute berät die Weltgesundheitsorganisation WHO ob der Virus zur globalen Gesundheitskrise erklärt wird. Im Rest der Welt sind Corona-Ansteckungen Einzelfälle, niemand ist gestorben. Kein Vergleich zur regulären Grippe, die jedes Jahr tausende Menschenleben fordert. Aber die Sorge ist groß, dass es zu einer Epidemie kommen könnte, die außer Kontrolle gerät. Mehrere Airlines haben ihre Flüge nach China eingestellt. In China haben die Behörden Millionenstädte in der Provinz Hubei unter Quarantäne gestellt. Von der Hauptstadt von Hubei, der am Jangtsekiang gelegenen Stadt Wuhan, soll das Virus seinen Ausgang genommen haben.
Wie erleben die Menschen in China diese Situation? Gibt es Panik?
Panik überhaupt nicht. Dafür gibt es keine Anzeichen. Aber es gibt große Verunsicherung in der Bevölkerung, was verständlich ist. ORF-Chinakorrespondent Josef Dollinger sagt, er ist heute früh auf dem Weg von zu Hause ins Büro fünf Mal zum Fiebermessen von Patrouillen angehalten worden. Vor allem in Wuhan wissen viele Menschen nicht, wie es weitergeht.
Es gehen ja jetzt die großen Feiertage des chinesischen Neujahres zu Ende, eigentlich heute. Hunderte Millionen Menschen waren bei ihren Familien um zu feiern, viele am Land, die kommen jetzt zurück. In vielen Städten sind die Feiertage verlängert worden, viele Betriebe bleiben geschlossen und die Schulferien sind verlängert worden. Weil die Behörden Angst vor Anstecklungen haben.
Aber es gibt überall Spendenaufrufe von Spitälern im Internet, dass man Schutzmasken und Schutzanzüge spenden soll! Das zeigt, wie weit man von Normalität entfernt ist.
Die chinesische Regierung möchte immer demonstrieren, dass man alles im Griff hat. Durch die Quarantäne für Wuhan und anderen Millionenstädte.
In der Stadt Wuhan, eine 11 Millionenstadt, da kann man nicht mehr herein und heraus, es fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, die meisten Geschäfte sind zu und die Leute sollen ihre Wohnungen nicht verlassen. Die Quarantäne gilt auch in anderen Teilen der Provinz Hubei für eine mehr als 40 Millionen Menschen, das ist so viel wie die Bevölkerung Spaniens.
In Wuhan, der Stadt am Jangtse, von der die Krankheit wahrscheinlich ihren Ausgang genommen hat, bleiben die meisten Menschen in ihren Wohnungen. Das Internet funktioniert, Die meisten Menschen sagen, sie haben im Moment genug Vorräte für die nächsten Tage zu Hause. Was knapp ist, das sind Gesichtsmasken. Und die Spitäler sind hoffnungslos überfordert. Aus allen Teilen Chinas wird Gesundheitspersonal nach Wuhan geschickt.
Gesichtsmasken, die man in Europa ganz selten sieht, sind in China inzwischen allgegenwärtig. Wie rasch gewöhnt man sich an Gesichtsmasken und sind sie wirklich sinnvoll?
Es gibt Masken der verschiedensten Qualität, aber natürlich sind sie grundsätzlich sinnvoll. Gesichtsmasken sind auch ohne Virus weit verbreitet, in ganz Asien. Wegen des Smogs oder auch der Ansteckungsgefahr wenn viele Menschen an einem Ort sind.
Man kann sich das Gedränge in den U-Bahnen in Tokio oder Peking in Europa ja kaum vorstellen. Da geht es in der Rush Hour regelmäßig so zu wie bei uns vielleicht nach einem Ländermatch.
Angenehm sind die Gesichtsmasken nicht, aber man gewöhnt sich daran.
Es gibt jetzt offenbar echte Engpässe bei Gesichtsmasken, die Fabriken kommen mit dem Nachschub nicht nach. Das hat dazu geführt, dass plötzlich Wucherpreise für Gesichtsmasken verlangt wurden, 122 Dollar für eine Maske in einer Stadt steht in SCMP!
Wie wird eigentlich das Vorgehen der Behörden von der Bevölkerung aufgenommen? Akzeptiert man diese drakonischen Maßnahmen?
Ja, im Wesentlichen schon. Weil ja schon die Gefahr gesehen wird, was passiert könnte, wenn die Verbreitung des Virus nicht gestoppt wird.
Es hat in den letzten Wochen einen großen Unterschied gegeben zwischen den meisten offiziellen Medien, dem Staatsfernsehen, der Parteizeitung, die lange Zeit wenig berichtet haben und wenn sie berichtet haben, dann über die heldenhaften Einsätze der Ärzte, der Gesundheitsteams. Den Bemühungen in 7 Tagen ein neues Spital zu bauen in Wuhan.
Und auf der anderen Seite den sozialen Medien in China, die natürlich auch geregelt sind, zensuriert werden, in denen weitverbreitete Wut über die Behörden zu spüren ist. Im Zentrum steht die Kritik, dass die Öffentlichkeit zu spät informiert wurde.
Besonders dem Bürgermeister der Stadt Wuhan wirft man vor, dass er viel zu lange gewartet haben. Die haben ihren Rücktritt angeboten, sagen aber auch, dass sie erst an die Öffentlichkeit gehen durften, wenn sie das OK von oben hatten, und das ist nicht gekommen.
In China funktioniert die Zensur so, dass jeder, der Gerüchte verbreitet, belangt werden kann.
Im Dezember war es so, dass einige Ärzten in Wuhan in den Sozialen Medien geschrieben haben, dass es ein Problem mit einem Virus gibt. Lange, bevor das offiziell wurde. Die Reaktion war, dass die Besuch von der Polizei bekommen haben, die sie bedroht hat, weil sie angeblich Gerüchte verbreitet haben, was streng verboten ist. Diese Ärzte gelten inzwischen als Helden, sie haben recht gehabt, das heisst es jetzt auch in Peking.
Wie funktioniert in dieser Extremsituation die Zensur in China?
Die Kontrolle in den sozialen Medien und auch überhaupt in der Presse ist gelockert worden. Man spürt, dass es eine Möglichkeit geben muss für die Öffentlichkeit, Dampf abzulassen. Auch von Journalisten der Medien kommt manchmal Kritik durch, wenn ein Journalist Online schreibt, er ist seit Tagen in Wuhan, aber noch keine einzige Zeile von ihm ist er durchgekommen.
Die chinesischen Blogger sind sehr kreativ, wenn es darum geht die Zensur zu umgehen. Es wird plötzlich sehr viel über Tschernobyl diskutiert, weil es dazu eine Fernsehserie gibt, und im Internet liest man dann Kommentare, die unfähig die Behörden waren in Tschernobyl, wie falsch sie reagiert haben, da verstehen dann alles, dass nicht die Sowjetunion und Tschernobyl gemeint ist, sondern das China von heute. Auch die Zensur, die inzwischen Tschernobyl-Kommentare eifrig löscht.

Aber das gesamte Zensursystem in China führt natürlich dazu, dass die Menschen den offiziellen Medien nicht glauben, aus gutem Grund. Aber gleichzeitig unklar ist, wem man glauben soll, und das öffnet natürlich Gerüchten Tür und Tor.
Aus einige Gegenden wird berichtet, dass die Bewohner gegen Pläne demonstrieren, Spitäler für die Quarantänepatienten zu bauen. Da ist es sogar zu Zusammenstößen gekommen. Es ist auch politisch, gesellschaftlich eine große Anspannung.

Der Premierminister Li Keqiang war in Wuhan, auch in einem Spital, der Präsident Xi JIngping beruft Krisensitzungen ein. Aber es werden Fragen gestellt, ob vieles nicht zu spät passiert ist. Weil in einem autoritären System wie in China wenn etwas schlecht läuft, die Lokalbehörden das von den Provinzbehörden verheimlichen wollen und die Provinzbehörden der Zentrale in Peking. Es gibt viel Mißtrauen unter den verschiedenen Machtzentralen des Staates.
Andererseits: die Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO sagen China hat zeitgemäß und richtig reagiert. Es werden alle relevanten Informationen weitergegeben. Und natürlich ist es auch so, dass solche Extremmaßnahmen wie ganze Städte absperren, in einem zentralistischen Staat mit einer starken Zentralmacht, leichter umzusetzen ist. In Europa oder auch in den USA wären solche Maßnahmen völlig undenkbar für so viele Menschen.
Der Unterschied zu Europa oder den USA: es gibt in China keine glaubwürdigen Informationen, die unumstritten sind, weil sie nicht mit politisch manipuliert sind. In Europa wären das wissenschaftliche Institute, Universitäten – aber die sind in China auch alle unter staatlicher Spin controll!
Was man auch spürt in den sozialen Medien in China, das ist doch ungewöhnlich viel Kritik an den Behörden, und diese Kritik wird zum Teil zugelassen.