Vier Jahre nach Fukushima

 

Vier Jahre Katastrophe von Fukushima: Einem Erdbeben folgte ein Tsunami, der auch die an der Küste stehenden Reaktoren verwüstete. Mit dem GAU, dem größtmöglichen Unfall einer Kernschmelze, muss die Region heute noch umgehen. Die Regierung will trotzdem mit ihrem Versprechen ernst machen und die stillgelegten 48 AKWs des Landes Schritt für Schritt aufsperren. Es ist ein kontroversieller Kurs.

Mittagsjournal, 10.3.2015

Es sind hunderte Anti-Atomkraftaktivisten, die sich jeden Freitagabend vor dem Sitz des Premierministers in Tokio versammeln. Shinzo Abe, stopp die AKWs, Shinzo Abe tritt zurück, so lauten die Slogans.

Seit dem Unglück von Fukushima sind alle 48 Atomkraftwerke in Japan stillgelegt. Ein einzigartiger Vorgang für einen Industriestaat, der über so gut wie keine eigenen Energiequellen verfügt. Mehr als 90 Prozent der Energieversorgung Japans kommen seither von Importen aus dem Ausland, vor allem Erdöllieferungen aus dem Nahen Osten. Eine riskante Abhängigkeit, die Premierminister Shinzo Abe reduzieren will, in dem noch dieses Jahr zumindest einige Atomkraftwerke wieder hochgefahren werden.

Genau das wollen die japanischen Anti-AKW-Demonstranten verhindern. Die Regierung wird immer Gründe finden, um die Atomkraftwerke wieder zu starten, sagt eine Aktivistin, die sich Misao Red Wolf nennt. Sie sagen, wir brauchen Atomkraftwerke, damit wir genug Strom haben. Aber Elektrizität ist genug da, obwohl alle AKWs still stehen. Es ist alles eine Lüge, es geht einzig und allein um die Profite der Elektrizitätskonzerne.

In der Universität von Tokio verweist der Nuklearexperte Muneo Morokuzu auf die Milliardeninvestitionen der japanischen Energiefirmen, um die Atomkraftwerke sicherer zu machen und gegen Erdbeben oder Tsunamis besser zu schützen. Aber ein Restrisiko bleibt, gibt der Experte zu.

Ausschließen wird man nie können, dass es wieder zu einem solchen Unglück wie in Fukushima kommt. Beim Atomkraftwerke Hanaoka, das unmittelbar an der Küste liegt, hat man gegen einen Tsunami eine 21 Meter hohe Mauer gebaut. Aber wenn ein Tsunami 30 Meter hoch ist, wird die Mauer zu niedrig sein. Die Türen sind so fest, wie die Safetüren einer Bank. Aber ist das perfekt? Nein, ganz perfekt kann es nie sein, die Risiken der Atomkraft bleiben bestehen, sagt Muneo Morokuzu von der der Universität Tokio.

Die Todesopfer vor vier Jahren waren Folgen des Tsunamis und der chaotischen Evakuierung, an Radioaktivität ist niemand gestorben, sagt der Nuklearexperte Morokuzu an der Universität Tokio. Das wichtigste sei es dass sich die Behörden auf Notfälle besser vorbereiten.

Vier Jahre nach der Katastrophe bietet die Sperrzone rund um die kaputten Reaktionen noch immer ein Bild der Verwüstung. Ganze Ortschaften sehen so aus, als ob das Unglück gestern passiert wäre. Zerstörte Häuser, persönliche Gegenstände verstreut in den Ruinen. Ein paar Schuhe finden wir in der Ortschaft Tomioka wenige Kilometer vom Reaktor entfernt. Überall sind riesige schwarze Ballen aufgehäuft, mit verseuchter Erde und radioaktiv kontaminiertem Schutt. Die radioaktive Verseuchung ist der Grund, warum an einen Wideraufbau noch nicht zu denken ist.
Am Tag sind tausende Arbeiter mit den Dekontaminierungsarbeiten beschäftigt. Restaurants und Supermärkte sind offen. Am Abend müssen alle das Sperrgebiet wieder verlassen. Nur Schritt für Schritt können Ortsteile für die Rückkehr der Bewohner freigegeben werden.

In der Ortschaft Odaka, die von der radioaktiven Wolke nur gestreift wurde, soll im April 2016 die Dekontaminierung abgeschlossen sein. Die Regierung glaubt, dass 30 Prozent der ursprünglichen Einwohner zurückkehren werden, erzählt uns Wada Tomoyuki, der an der Grenze zur Sperrzone ein Restaurant aufgemacht hat. Er berät Bürger, die ihre Rückkehr vorbereiten. Es wollen vor allem alte Leute zurück. Sie kommen jetzt schon her und sehen nach ihren Häusern. Aber über Nacht darf niemand bleiben.

Ob die Rückkehrer keine Angst vor der Radioaktivität haben? Nein, nicht so sehr, sagt Wada Tomoyuki. Die meisten haben hier Messgeräte. Die zeigen an, dass die Strahlung nicht mehr viel höher ist als außerhalb der Sperrzone. Sorgen gibt es höchstens, ob bei der Entsorgung der kaputten Reaktoren noch etwas passieren könnte.

Wie die Menschen um Fukushima über den Plan der Regierung denken, die abgeschalteten Atomkraftwerke wieder aufzusperren? Die Meinungen sind geteilt, sagt uns Wada Tomoyuki. Viele sagen, solange nicht alles gelöst ist nach dem Unfall, sollte es keinen Neustart geben. Die meisten Menschen hier sind nicht grundsätzlich gegen Atomkraftwerke, sie finden nur, dass zuerst das Unglück bewältigt werden muss.
Bei der Ausfahrt aus der Sperrzone passieren wir die Kontrolle, an der Besucher untersuchen lassen können, ob Autos und Kleider auch sauber sind. Die freundlichen Beamten bestätigen: es ist alles in Ordnung bei uns.

Die Tabelle zeigt den heutigen Wert, erklärt man uns, 0,65 Mikrosievert pro Stunden, das entspricht auch der natürlichen Strahlung außerhalb der Sperrzone und fern von jedem Atomkraftwerk.