Letzte Woche wehte ein Hauch globaler Größe durch Peking. So wie bei den Kaisern vergangener Dynastien reisten die mächtigsten fremden Herrscher an, um dem Reich der Mitte ihre Reverenz zu erweisen. Tributleistungen wie in den Zeiten der Ming im 16. Jahrhundert wurden Chinas Staatschef Xi Jinping keine erbracht. Immerhin brachten die hohen Gäste aus Washington DC und Moskau Wirtschaftskapitäne dabei, die China ihre Dienste anboten.
Sowohl Trump als auch Putin waren Bittsteller. Russland braucht China als Abnehmer von Gas und Öl in Zeiten der westlichen Sanktionen. Der Kreml steckt im Ukrainekrieg fest, in dem er nach vier Jahren von einem Erfolg weiter entfernt ist denn je. Mit jedem Tag wächst die russische Abhängigkeit von der chinesischen Führung. Trump wollte China vor einem Jahr durch exorbitante Zölle kleinkriegen. Inzwischen haben die USA realisiert, dass sie einen Handelskrieg gegen das Reich der Mitte nicht durchstehen können.
Beim feierlichen Dinner mit Donald Trump hat Xi Jinping den griechischen Historiker Thukydides zitiert. Dieser hatte die peloponnesischen Kriege des 4. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung als Folge der Abstiegsängste Spartas gegen das aufsteigende Athen beschrieben. China sieht die USA im Niedergang und das eigene Land im Aufschwung. Die Warnungen vor der sogenannten Thukydides-Falle mit Kriegen um die Vorherrschaft in der Welt gibt es seit langem. Dass auch der chinesische Präsident darauf verweist, ist bemerkenswert.
Die Volksrepublik ist Wirtschaftsweltmacht Nummer zwei. Die Beziehungen zwischen den drei Supermächten sind von Konkurrenz, Rivalität und gegenseitiger Abhängigkeit geprägt. In den USA warnen Politiker vor der militärischen Aufrüstung Chinas. Die Ausgaben für die Volksarmee wachsen tatsächlich stärker als die Wirtschaft selbst. Aber global spielt Chinas Militär keine Rolle. Der amerikanische Politikwissenschaftler David Shambaugh weist darauf hin, dass die USA über 750 Militärbasen in der Welt verfügen. China unterhält einen einzigen internationalen Stützpunkt im ostafrikanischen Staat Djibouti.
Shambaugh wundert sich, dass China vom internationalen Chaos, das Donald Trump anrichtet, nicht ernsthaft profitiert. Die chinesische Diplomatie hat keine substanziellen neuen Allianzen aufgebaut, nur Russland und Nordkorea sind mit Peking vertraglich verbunden. Weder für das befreundete Regime von Nicolás Maduro in Venezuela noch für die Islamische Republik Iran konnte oder wollte Peking etwas unternehmen, als diese von den USA attackiert wurden.
Europa kauft chinesische Waren aller Art, aber das Misstrauen gegenüber dem Reich der Mitte bleibt unverändert bestehen. Appelle, die Europäer sollten auf die Feindseligkeit Trumps mit einer Öffnung gegenüber China reagieren, verhallen. Gründe für diese Distanz sind die Polizeistaatsmethoden, mit denen der chinesische Staat gegen Dissidenten vorgeht. Die erzwungene Gleichschaltung Hongkongs, die im Widerspruch zu den Versprechen bei der Übergabe an die Volksrepublik 1997 gestanden sind, sitzt vielen noch in den Knochen. Die Inhaftierung des aufmüpfigen 78-jährigen Zeitungsmachers Jimmy Lai ist ein Symbol für staatliche Willkür. China nimmt in Europa nachhaltig Schaden durch seine anhaltende Unterstützung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, die Putin in Peking auch jetzt wieder zugesichert bekam. Dazu kommen die lauter werdenden Klagen aus der Wirtschaft, dass Importe aus China die heimische Industrie niederkonkurrenzieren.
Zum Schaden, den sich China in der Weltpolitik selbst zufügt, gehören die Ansprüche auf die freie Inselrepublik Taiwan. Gegenüber den einstigen Gegnern Mao Tse-tungs von der antikommunistischen Guomindang, die jetzt eine Peking-freundliche Oppositionspartei in Taiwan sind, verfolgt Peking eine Charmeoffensive. Ein militärischer Angriff der Volksrepublik ist in der nächsten Zeit unwahrscheinlich. Aber in der chinesischen Verfassung wird Waffengewalt ausdrücklich als letztes Mittel genehmigt, um den Anschluss Taiwans an das Festland durchzuführen.
Die Straße von Taiwan ist für die Weltwirtschaft noch wichtiger als die Straße von Hormus. Von der Versorgung mit Chips aus Taiwan hängen Handys und Computer der ganzen Welt ab. Die Unsicherheiten, die sich aus diesen wiederkehrenden Drohungen aus Peking ergeben, machen es schwer, China eindeutig als stabilen Faktor von Frieden und Stabilität in der unruhigen Welt zu sehen. Von den zerfallenden Sicherheitssystemen unserer Zeit profitiert keine Weltmacht. Nur die Instabilität wird größer.
ZUSATZINFORMATION
Die Thukydides-Falle
Der amerikanische Politikwissenschaftler Graham Allison hat 16 Konstellationen der letzten 500 Jahre untersucht, bei denen angestammte Großmächte von stürmischen Newcomern herausgefordert wurden. Zwölfmal kam es zum Krieg
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